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Das Spiel ohne Ball

Eugen Pletsch Eugen Pletsch

Das Jahr verblüht, der Winter kommt und ambitionierte Golfer machen sich warme Gedanken über ihren Driver der nächsten Saison.

Die Golfindustrie liebt solche Gedanken – obwohl es ja heißt, dass der Preis eines neuen Drivers in Golfstunden angelegt mehr bringen würde. Konstanz sei wichtiger als Länge vom Tee. Also was tun? Driver kaufen oder Stunden buchen? Ihr Pro weiß Rat: Da der allzu schnelle Fortschritt eines Schülers für einen PGA Pro betriebswirtschaftlich nicht sinnvoll ist, wird er Ihnen (sofern männlich) eine superschicke 9-Grad Keule mit supersteifem Schaft empfehlen.

Die schmeichelt dem Macho in Ihnen und freut den Pro, denn bald darf er mit vielen Golfstunden rechnen. Bei einem neuen Driver stellt sich jedoch sofort die Frage: Welchen Ball spielen wir? Genauer gesagt: Auf welchen Ball kann man sich verlassen? Es nützt wenig, wenn man eine superschicke 9-Grad Keule spielt und der Ball ständig weg ist. Die Schotten meinen (und jetzt jault die Golfindustrie laut auf), dass die einmalige Anschaffung von drei neuen Golfbällen für ein ganzes Golferleben ausreicht. Denn wer auf seiner ersten Runde drei Bälle verballert und bei der Suche nicht genug Bälle findet, um weiterspielen zu können, hat ohnehin kein glückliches Golfer-Leben zu erwarten.

Der/die sollte die weiße Kugel sausen lassen, um wieder dem gelben Ball auf rotem Sand hinterherzuhecheln. Also: Wie bringen wir einen Ball dazu, uns treu zu bleiben? Hier weiß die tibetische Mystik eine Antwort: Spätestens seit Walt Disneys „Herbie, der Käfer“ wissen wir, dass alle Materie beseelt ist. Ähnlich einem Hund kann auch der Golfball lieb und treu sein, bei falscher Erziehung jedoch ausgesprochen bösartig werden.

Ergo: Wer seinen Ball achtet, reinigt, hütet und liebevoll mit ihm spricht, wird merken, dass der Ball auf einer – nennen wir es „Meta-Ebene“ – lernt, auf seinen Spieler zu hören. Wer hat nicht schon mal seinem Ball nachgebrüllt ? Auch die Profis auf der Tour brüllen, stöhnen und flehen, denn erwiesenermaßen kann ein Ball Befehle noch auf bis zu 200 Metern Entfernung hören. Wie das, werden Sie fragen, wo ein Ball doch keine Ohren hat? Glauben Sie mir: Wenn Sie Ihrem Ball bei der Taufe einen hübschen Namen geben und ihn hin und wieder sanft streicheln, wird er anders reagieren, als wenn Sie ihn immer nur als verdammte Dreckskugel beschimpfen.

Trotzdem: Nach einer brutalen Attacke Ihrer superschicken 9-Grad Keule mit supersteifem Schaft macht sich auch der treueste Ball aus dem Staub und so kommt der Tag, an dem Sie die Sucherei satt haben. Dann werden Sie Ihre superschicke 9-Grad Keule mit supersteifem Schaft fallen lassen, um sich dem neusten, geilsten, ultracoolsten Megatrend der Golfszene zuzuwenden, dem Spiel ohne Ball!
Die Idee dahinter ist einfach: Ab einem gewissen Level wird Golf ohnehin nur im Kopf gespielt, richtig?

Wer diesen Gedanken konsequent verfolgt, braucht keinen Ball mehr. Er vergeistigt sein Spiel und denkt sich seine Runde. Die Adepten des Golfweges (Tao Ping) halten ihren Blick nach innen gerichtet, während ihre Geistesblitze über die Golfbahnen zischen. Ein stilles Leuchten in den Augen, ein verschmitztes Lächeln, zeigt dem aufmerksamen Betrachter, dass ein Birdie gespielt wurde. Das Tollste: Es gibt kein Warten, kein Durchspielen, keinen CSA und keinen DGV. Mit etwas Übung kann dasSpiel ohne Ball sogar zu Hause im Sessel – bis ins hohe Alter – gespielt werden! Na, wäre das nichts für Sie?

P. S. Die PGA weist darauf hin, dass ein Mentalschlägerfitting nur von einem autorisierten PPP (Psycho PGA Professional) durchgeführt werden sollte!

Eugen Pletsch, Jahrgang 1952, Buchautor (u.a. „Endlich einstellig“) und Betreiber des Golfportals www.cybergolf.de, ist seit 2010 GOLF TIME-Autor.



 
GOLF TIME 1/2012

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