10.05.2015 | 05:42

McIlroy findet seine Balance

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Liverpool, England – Als es darum ging, die Gunst der Stunde zu nutzen, erwies sich erneut Rory McIlroy als der Spieler, der den Sieg bei dieser Open Championship am meisten will. Das Losglück erlaubte dem Nordiren zwei Runden bei idealen Bedingungen spielen zu können – Windstille, Sonnenschein, volle Ränge – und McIlroy spielte erneut eine grandiose 66. Das erste und einzige Bogey auf seiner Scorekarte erlaubte sich McIlroy schon auf der ersten Bahn. Viele Zuschauer befürchteten, dass McIlroy nun wieder Opfer des „schwarzen Freitags“ werden könnte, den er in der Vergangenheit schon einige Male erlebt hatte, als er als Führender nach dem Donnerstag die zweite Runde komplett versemmelte. Doch sieben Birdies und einige erstaunliche Par-Rettungen (jedoch auch ein verschobener Birdie-Putt aus ca. einem Meter) verschafften dem 25-jährigen „Celtic Tiger“ vier Schläge Vorsprung auf das Feld, ähnlich wie bei seinen Majorsiegen der Vergangenheit. „Ich mag den Platz und fühle mich hier sehr wohl“, sagte McIlroy nach der Runde. „Ich habe großes Vertrauen in mein Spiel. Von meinem wackeligen Start habe ich mich nicht beeindrucken lassen. Bei diesen Bedingungen wusste ich, dass ich meine Chancen bekommen werde. Mein Ziel war eine ähnliche Runde wie gestern zu spielen und ich freue mich, dass ich das erreicht habe.“ Auf dem alleinigen zweiten Rang lauert Dustin Johnson bei -8 auf seine Chance. Der Longhitter aus Myrtle Beach spielte die einzige bogeyfreie Runde des Tages und legte mit Birdies auf den beiden Schlussbahnen einen schönen Zielsprint hin. George Coetzee machte sich an seinem 28. Geburtstag selbst das schönste Geschenk und unterstrich einmal mehr, dass große Wahrheit in Sprichwörtern steckt. Um 5 Uhr morgens klingelte der Wecker des Südafrikaners, der schon um 7.20 Uhr am ersten Abschlag erwartet wurde. Der frühe Vogel Coetzee erwischte bei seiner Jagd nach dem zu fangenden Wurm jedoch einen langsamen Start. Auf Loch 2 streute er wie am Vortag ein Bogey ein, glich dies aber auf Loch 5 wieder aus. Soweit, so unspektakulär. Wie angekündigt, musste Cotzee mit deutlich stärkerem Wind als noch am Morgen des Vortages kämpfen und viele der Golfer, die wie er erst am Nachmittag und dann am Morgen starten mussten, fühlten sich vom Wettergott benachteiligt. Statistisch gesehen spielten die Spieler, die am Donnerstagnachmittag bzw. am Freitagmorgen spielen mussten, über 1,5 Schläge mehr als die glücklichere Hälfte des Feldes. Nicht so George Coetzee, der wie die Windräder draußen auf dem Atlantik Fahrt aufnahm und auf den Back Nine fünf Birdies (und zwei weitere Bogeys) auf seine Scorekarte zauberte. „Das ist mein Lieblings-Majorturnier und es ist toll, hier gutes Golf zu spielen. Cooles Gefühl, den eigenen Namen oben auf dem Leaderboard zu sehen. Und wenn das auch noch am Geburtstag passiert, ist das umso besser.“ Coetzee teilt sich bei einem Score von -5 den neunten Rang mit Jim Furyk, der mit drei Birdies und zwei Bogeys genau das Shotmaker-Golf präsentierte, das man von ihm im Vorfeld erwartet hat. Einen Schlag besser als Coetzee bei 6 unter Par grüßen seine Landsmänner Louis Oosthuizen (Open Champion von 2010) und Charl Schwartzel. Schwartzel spielte erneut Birdies auf den drei Schlussbahnen, zuvor verlor er jedoch auf Bahn 14 seinen Ball im tiefen Rough und musste zum Nachladen zurück zum Abschlag gefahren werden. Mit dem zweiten Ball spielte Schwartzel ein „Second-Hand-Par“. Am Donnerstag noch fand man ein Dreigestirn aus Italien ziemlich weit oben auf dem Leaderboard. Die Molinari-Brüder Edoardo und Francesco sowie Matteo Manassero starteten daher einen bzw. zwei Schläge hinter Rory McIlroy in ihre zweiten Runden, doch nur einer der drei Südeuropäer kam ungeschoren ins Clubhaus. Manassero büßte sechs Schläge durch Bogeys und ein Double-Bogey ein und konnte dem nur drei Birdies entgegensetzen. Bei -2 liegt er nun zehn Schläge hinter McIlroy und dürfte am Wochenende nur noch um eine gute Platzierung, aber wohl kaum mehr um den Sieg mitspielen. Auch Edoardo Molinari machte keinen Sprung nach oben in der Rangliste. Immer wieder verlor er durch sein ungenaues Spiel Schläge und rettete seinen Score durch ein golferisches Tischfeuerwerk mit drei Birdies in Folge auf den Löchern 12 bis 14 (das dritte Birdie chippte er aus ca. 40 Metern ein). Das Bogey auf der sehr einfachen 18 war dann jedoch ziemlich unnötig. Francesco Molinari trägt nun alleine alle Hoffnungen der italienischen Golffans auf seinen schmalen Schultern. Auch sein Score hätte deutlich besser sein können als -6 für das Turnier. Denn der neun Monate ältere Bruder von Edoardo spielte zwar drei Birdies auf den vorderen neun Bahnen, büßte dort aber auch vier Schläge ein, bevor er sich stabilisierte und auf den verbleibenden neun Bahnen drei Schläge gewann, ohne weitere Schlagverluste hinnehmen zu müssen. Ebenfalls auf dem geteilten dritten Platz mit sechs Schlägen Rückstand auf den Führenden rangieren Rickie Fowler und Sergio Garcia, die gemeinsam mit Luke Donald auf der Runde waren. Der Spanier zeigte den Schlag des Tages, als er nach einem Bogey auf der ersten Bahn auf dem zweiten Loch aus ca. 100 Metern zum Eagle einlochte. Sergio und Rickie verstanden sich prächtig und schienen sich gegenseitig zu beflügeln. Fowler, der fünf Birdies bei nur zwei Bogeys spielte, wurde seiner Rolle als Liebling der weiblichen Fans jedoch nur fast gerecht. Denn nicht wenige der jungen Damen empfanden Rickies „Drei Musketiere“-Bartstyling als eher peinlich. „Er sieht wie ein Babyface mit aufgeklebtem Bart aus. Auch der neue Haarschnitt ist voll daneben!“, lautete die Meinung des weiblichen Fachpublikums zwischen 15 und 20 Jahren. Komplettiert wird das Sextett bei -6 vom Amerikaner Ryan Moore, der vier Schläge aufholte und eine Runde von 68 Schlägen spielte. Tiger Woods durfte zwar ähnlich wie Rory McIlroy zwei Tage bei idealen Bedingungen spielen, doch er und die beiden ersten Bahnen des Royal Liverpool werden wohl keine Freunde mehr. Gestern startete er mit Bogey-Bogey, heute sogar mit Double-Bogey-Bogey in die Runde. Vor allem seine wilden Abschläge aber auch Pech mit dem Putter waren die Ursache für seine schwache Performance. Die zweite Runde verlief nach diesem Holperstart auch höchst unauffällig und der Sieger der letzten Open Championship in Hoylake reihte 14 saubere Pars aneinander. An Loch 17 jedoch ballerte er seinen Abschlag ins Aus und kassierte ein Triple-Bogey, das ihm fast ein freies Wochenende beschert hätte. Dank des Birdie-Konters auf der letzten Bahn jedoch hält sich Woods jedoch innerhalb des Feldes und darf sich den Wecker für den Samstag auf eine recht frühe Uhrzeit stellen. „Bei einer Open muss man immer froh sein, wenn man das Ergebnis zusammenhält und ein Par spielt.“ So kurz und knackig fasst Martin Kaymer seine Leistung am Freitag zusammen. Unter dem Strich steht eine Par-Runde, in der jedoch mehr drin gewesen wäre. Denn Kaymer legte los wie die sprichwörtliche Feuerwehr und begann mit zwei Birdies in Folge und legte sogar an Bahn 5 ein weiteres Birdie nach. Dann jedoch feuerte er einen Ball ins dichte Rough. „Da liegst du drei Schläge unter Par für den Tag und hast das Gefühl, wieder Tuchfühlung mit der Spitze aufnehmen zu können und plötzlich kämpfst du um das Double-Bogey“, kommentierte Martin seinen Ausflug in die weiten des Royal Hoylake, bei dem er aus einer unspielbare Lage mit einem Strafschlag erleichtern musste. „Plötzlich war das Momentum einfach weg, am folgenden Loch habe ich die Linie falsch gelesen und auf dem neunten Grün zu zaghaft geputtet…“ Vier Schläge büßte der deutsche U.S. Open-Sieger von 2014 auf den drei Bahnen ein. „Anstelle mich weiter nach vorne zu arbeiten, hatte ich ein Auge auf die Cutlinie. Das Wochenende wollte ich eigentlich nicht verpassen…“ Doch die folgenden Löcher sind wahrhaftig keine Birdie-Lieferanten, zumal der Wind wie vorhergesagt am Freitag deutlich aufgefrischt hatte. An der 14 erwischte es Kaymer erneut und beim Stand von drei Zählern über Par hätte er am Wochenende genügend Zeit gehabt, auf den Spuren der Beatles durch Liverpool zu wandern. Doch Martin nutzte die beiden Par 5-Bahnen 16 und 18, um zumindest vorerst auf der sicheren Seite zu stehen. Nach der Runde erfuhr der fußballbegeisterte Deutsche dann auch von einem englischen Journalisten vom Nationalmannschaftsrücktritt Philipp Lahms. Der englische Kollege erklärte diese Nachricht jedoch so unglücklich, dass Kaymer erst glaubte, sein Kumpel Philipp hätte die Fußballschlappen komplett an den Nagel gehängt und reagierte entsprechend ungläubig. Als alle Unklarheiten beseitigt waren, versprach Martin, Lahm demnächst einmal anzurufen und ihn zu einem Rücktritt zu bewegen. Für das Wochenende hat Martin nach wie vor hohe Erwartungen. Am Samstag wird schlechtes Wetter mit viel Regen und Wind erwartet. „Hier gilt es Fairways und Grüns zu treffen. Alles ist möglich während dieser zwei Tage…“ Kurioserweise wird es in diesem Jahr keine Silbermedaille für den besten Amateur im Feld geben, denn keiner der vier Spieler hat den Cut geschafft. Der Engländer Ashley Chesters scheiterte nach einer 75 um einen Schlag am Cut bei +2. Viel besser als am Donnerstag lief die Runde für den Fabrikarbeiter John Singleton, der nur wenige Minuten vom Royal Liverpool entfernt lebt. Nach einer 78 am Donnerstag spielte er eine grandiose 70. Zwar verpasst er trotzdem den Cut, doch erspielte sich Singleton eindrucksvoll die Bestätigung, dass sein Spiel durchaus gut genug ist, um mit den Besten der Welt mithalten zu können. Wir sind gespannt, wie es mit John Singleton weitergeht. Viele prominente Namen scheiterten am Cut und werden am Wochenende nicht mehr dabei sein: U.a. Lee Westwood, Nick Watney, Rafael Cabrera-Bello, Ian Poulter, Miguel Angel Jimenez, Bubba Watson, John Daly, Ernie Els, Padraig Harrington oder Paul Lawrie. Last but not least: Mit 64 Jahren schaffte Tom Watson den Cut, Glückwunsch! Für den Samstag werden starke Regenfälle und Gewitter erwartet. Man darf gespannt sein, was dieser „Moving Day“ für Spuren auf dem Leaderboard hinterläßt. Hier das aktuelle Leaderboard. Weiterhin viel Spaß! GOLF TIME ist für Sie vor Ort und berichtet täglich live. © GOLF TIME Verlag GmbH Artikel zu diesem Thema:

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