06.05.2016

Dabeisein ist alles!

golftime
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Im April erklärte Adam Scott seinen ganz persönlichen Olympia-Boykott. Das erste neuzeitliche Golfturnier im Zeichen der fünf Ringe passe einfach nicht in seinen Turnierkalender. Für ihn ist das Golfturnier zudem ohnehin nichts anderes als ein Show-Match. 
Die Reaktion seiner Landsleute ließ nicht lange auf sich warten. Der Tenor lautete in etwa: „Toll zu erleben, dass du dein Land hinten anstellst, um eine Erholungspause einzulegen, um noch mehr Geld verdienen zu können.“
Man muss dem Australier zugute halten, dass er als Grund seiner Olympia-Absage nicht wie bspw. Vijay Singh die Angst vor dem Zika-Virus vorgeschoben hat, der vor allem für schwangere Frauen ein Gesundheitsrisiko darstellt und längst ein globales Phänomen geworden ist. So war Scott vielmehr von Anfang an einer der entschiedensten Golf-und-Olympia-Gegner und steht zudem der allgemeinen Entwicklung, dass vornehmlich Profisportler und kaum noch waschechte Amateure bei den Spielen an den Start gehen, äußerst kritisch gegenüber. 
Scotts traditionelle Sichtweise
Als 1981 beim XI. Olmpischen Kongress in Baden-Baden erstmals ernsthaft an der Amateurregelung bei Olympia gerüttelt wurde, war Adam Scott etwa ein Jahr alt. Aufgewachsen ist er mit Spielen, bei denen rundum vermarktete Stars wie Boris Becker oder das amerikanische NBA-Basketball-Dreamteam mit Medaillen geschmückt wurden. Im Alter von 20 Jahren wurde Scott im gleichen Jahr Berufssportler, in dem die Australier in Sydney herausragende Olympische Spiele miterleben konnten. 
Vor diesem Hintergrund wundert man sich, wie Scotts traditionelle Sichtweise auf Olympia wohl entstanden sein mag? Denn in kaum einer der 56 Sportarten bei Olympischen Spielen haben Athleten eine Chance auf olympisches Edelmetall, die ihrem Sport nicht hauptberuflich nachgehen. Exoten wie bspw. ein jamaikanisches Bobteam oder ein Schwimmer aus Äquatorialguinea, der erst wenige Monate vor dem Wettbewerb Brust und Kraul gelernt hat, machen ohne Frage einen Teil des olympischen Charmes aus. Trotzdem schalten die Zuschauer ihr Fernsehgerät beim 100-Meter-Lauf von Usain Bolt ein. 
Geldwertes Unterhaltungsprodukt
Olympia gilt heute als das wertvollste Sportprodukt überhaupt. Die Sommerspiele 2012 in Peking bspw. generierten über drei Milliarden Euro Umsatz. Wäre Adam Scott nicht nur einer der besten Golfer seiner Zeit, sondern würde zudem – so wie Bobby Jones Anfang des letzten Jahrhunderts – standhaft seinen Amateurstatus wahren, könnte man für seine Haltung deutlich mehr Verständnis aufbringen. Doch die Tatsache, dass Leistungssport im 21. Jahrhundert in erster Linie ein geldwertes Unterhaltungsprodukt darstellt, kann Scott nicht völlig fremd sein. Immerhin verdiente er 2015 über sieben Millionen Euro allein dank seiner Sponsorenverträge. 
Aktuell scheinen sich im Profigolf hinsichtlich der „olympischen Wertschätzung“ zwei Lager gebildet zu haben. Während einige namhafte Spieler – allen voran Martin Kaymer – Olympia als ihren persönlichen Saisonhöhepunkt bezeichnen, würden andere Stars wie Rory McIlroy das Ereignis nicht auf eine Stufe mit den jährlich stattfindenden vier Majorturnieren stellen. 
Es bleibt zu hoffen, dass Scotts Beispiel nicht weiter Schule macht. Für den Golfsport ist Olympia eine hervorragende Chance, um neue Zuschauer bzw. potenzielle Neugolfer zu begeistern, die mit unserem großartigen Sport bislang noch nicht in Berührung gekommen sind. Doch vielleicht muss erst das Bild des strahlenden Siegers mit der Goldmedaille um die Welt gehen, bevor auch Adam Scott bewusst wird, welchen Stellenwert Olympia beim Rest der Sportwelt genießt.

Götz Schmiedehausen, Autor des essenziellen Leitfadens durch die Welt des Golfwahnsinns in Buchform: „Golf oder gar nichts!“ Seit frühester Kindheit beseelt vom olympischen Gedanken. Verfolgt auf bis zu sechs gleichzeitig eingeschalteten TV-Geräten auch Wettbewerbe wie Tontaubenschießen, Synchronschwimmen oder Kunstradfahren 

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