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Coverstory: Homestory Sandra Gal GALAKTISCH
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An der nächsten Abschweifung links 24.04.2019

Für diese Kolumne ließ sich der Autor vom Dokumentarfilm über Jean Van de Velde (Foto) inspirieren
Für diese Kolumne ließ sich der Autor vom Dokumentarfilm über Jean Van de Velde (Foto) inspirieren
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Ursprünglich wollte ich mich ja mit dem Nervenflattern vieler Spitzengolfer befassen, wenn es darum geht, den Sack zuzumachen ...



Götz Schmiedehausen

An besonders inspirierten Tagen schreibt sich diese Kolumne fast wie von selbst. Eine glasklare Idee entsteht aus dem Nichts und manifestiert sich in Rekordzeit zu einem clever konstruierten Buchstabengebilde. Diesmal, das habe ich gleich gemerkt, wird es für mich (und Sie) etwas anstrengender, da ich immer wieder abschweife. Was aber auch interessant werden könnte. Hoffe ich jedenfalls.

Ursprünglich wollte ich mich ja mit dem Nervenflattern vieler Spitzengolfer befassen, wenn es darum geht, den Sack zuzumachen. Inspiriert hat mich nicht zuletzt ein Dokumentarfilm über Jean Van de Velde, den man derzeit beim Streamingdienst Netflix im Rahmen der Serie „Losers“ erleben kann. Fast jeder Golffan kennt das Drama um den Franzosen, der am Finalsonntag der Open Championship 1999 mit komfortablen drei Schlägen Vorsprung den Abschlag der 18. Bahn von Carnoustie betrat und es irgendwie schaffte, nicht zu gewinnen. In der Dokumentation erfährt man, dass Jean seinen golfignoranten Landsleuten flächendeckend völlig unbekannt war. Dann kündeten plötzlich alle Zeitungen vom möglichen historischen Triumph und im nationalen Fernsehen wurde sogar die Finalrunde dieser Open Championship übertragen.

Innerhalb von vier Stunden platzte somit nicht nur Van de Veldes persönlicher Golftraum, er enttäuschte zudem die Grande Nation, und das alles in einer Sportart, für die sich bei ihm zu Hause niemand so recht interessiert hat. Als deutscher Golfjournalist entwickelt man eine besondere Sensibilität für derlei Dramen. Datiert doch der letzte große Tour-Sieg von einem unserer Jungs zurück ins Jahr 2015. Seither erschrecke ich immer ein wenig, wenn eine schwarz-rot-goldene Fahne weit oben auf dem Leaderboard erscheint. Dann muss ich mich erst einmal vergewissern, ob es sich nicht vielleicht doch um Belgien handelt. 

Derzeit spielt Maximilian Kieffer ja ganz gut – als Einziger. Sein erster Sieg auf der European Tour ist auch so was von überfällig. Für mich repräsentiert er den klassischen Journey Man, einen Spieler also, der konstant Leistung bringt (zumindest genug, um problemlos die Tourkarte zu erhalten), aber keinen Pokalschrank benötigt. Was, wenn diese Anhäufung von Top-10-Platzierungen wirklich Maxis Leistungsmaximum darstellt? Wird er irgendwann darüber lachen können und sich sagen: „Tja, schade, aber immerhin ein schönes Wortspiel…“?

Kürzlich habe ich ein Gespräch zwischen Boris Becker und dem Autor Benjamin von Stuckrad-Barre gelesen, die gemeinsam das legendäre Wimbledon-Endspiel von 1985 geguckt haben. Da bewundert der Becker von heute sein 17-jähriges Alter Ego für dessen unbelastetes Auftreten. „Vielleicht kam dieser Sieg zu früh“, sinnert die Tennis-Legende. Da frage ich mich natürlich, ob Martin Kaymers Triumphe auch zu früh kamen? Zwischen 2008 und 2011 explodierte der Rheinländer wie eine Großbatterie Feuerwerkskörper in der Silvesternacht, 2014 gab es noch einmal zwei verspätete Kanonenschläge, seither schleppt der heute gerade einmal 35 Jahre junge Mann diesen immer weiter anschwellenden „Hall of Fame“-Rucksack voller unerfüllter Erwartungen mit sich rum. Das tut mir dann schon leid.

Bernhard Langer hingegen scheint so erfahren, dass er alles ausblenden kann. Oder trägt ihn vielleicht sogar sein Glaube zum Sieg? Bekreuzigen sich deshalb all die Fußballer ständig? Und wie soll Gott jemanden sportlich bevorzugen, wenn das alle machen? Seit ich 1998 aus der Kirche ausgetreten bin, habe ich jedenfalls keine Clubmeisterschaft mehr gewonnen. Zuvor aber auch nicht. Schon seltsam.

Auf Instagram folge ich Marcel Siem, dem drücke ich immer die Daumen. Vielleicht weil ich als Bayern-Fan so auch mal nachvollziehen kann, wie sich ein Anhänger von 1860 München oder Eintracht Braunschweig fühlt. Man war mal ganz groß und hat eine viel zu große Fanbase für den derzeitigen Status, welche sich jedoch, beseelt von den einstigen Triumphen, auch für das aktuell eher überschaubare Leistungsniveau begeistern kann. Und Marcel postet immer so schöne Urlaubsbilder aus Kenia oder Mauritius. Aber Sie merken schon, ich schweife ab… 


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