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Der Turniergolfer – vom Aussterben bedroht? 30.09.2019

Wie steht es um den Turniergolfer? (Bild: Erik Isakson)
Wie steht es um den Turniergolfer? (Bild: Erik Isakson)
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Warum eine gesunde Turnierkultur einen essentiellen Baustein des Clublebens darstellt – und weshalb diese immer weiter verkommt.

von Götz Schmiedehausen

Früher wirkte das Lächeln der Damen im Sekretariat vor allem an jenen Tagen besonders angestrengt, wenn gefühlt jedes Mitglied telefonisch erfragen wollte, ob denn nun endlich die Anmeldung für das große Turnier des Autohändlers (Bankhauses, Elektronikmarktes, Reisebüros usw.) möglich sei. Damals wurden die Turnerausschreibungen immer gleich prophylaktisch mit einer Warteliste ausgehängt, da klar war, dass innerhalb weniger Stunden die 120 Namensspalten belegt sein würden. 

Heute jedoch blenden nicht selten wochenlang reinweiße Meldelisten die eilig am schwarzen Brett vorüberhuschenden Golfer. Überall in Deutschland klagen die Golfclubs über eine grassierende Turniermüdigkeit ihrer Mitglieder. Was ist nur passiert? Ist es ein Virus? 

50 Euro für das Edelsponsoren-Turnier

Ich erinnere mich noch gerne an jenes Kribbeln im Bauch, welches ich als junger Golfer immer nur dann verspürt habe, wenn „vorgabewirksam“ gespielt werden sollte. Ein Gefühl, irgendwo zwischen „Bundesliga-Spitzenspiel“ und „Mathematik-Prüfung“. Mir war es im Grunde herzlich egal, ob ich am kostengünstigen Herrennachmittag teilnehmen würde oder 50 Euro für das Edelsponsoren-Turnier investieren musste – im Vordergrund stand die seltene Gelegenheit, unter Wettbewerbsbedingungen Golf spielen zu können. In einer Saison kam ich so nicht selten auf über 40 Turnierteilnahmen. 

Doch vor ein paar Jahren wurde plötzlich die EDS (Extra Day Score)-Regel dahingehend modifiziert, dass man nun beliebig viele vorgabewirksame Privatrunden einlegen darf und sogar schon neun Loch ausreichen, um eine handicap-wirksame Scorekarte zu generieren. Unvermittelt schwand meine Lust auf Turniere wie das Interesse eines Zwölfjährigen am LEGO-Spielzeug, nachdem er Papas Playboy- Sammlung entdeckt hat. Denn das vormals besondere Erlebnis eines Spiels ums Handicap war plötzlich unbegrenzt und jederzeit verfügbar. 

EDS-Alternative und Wetter-Apps

Mir fiel zudem auf, dass ich mich an Details zu stören begann, die ich früher niemals in Frage gestellt hätte. An der aufgezwungenen Gleichung mit drei Unbekannten, der ich fünf und mehr Stunden auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sein sollte. Oder an den ausufernden Abendveranstaltungen, dem teilweise schon beachtlich hohen Nenngeld und an der oft immer gleichen Dramaturgie eines Turniertages. Auch stellte ich fest, dass viele meiner Golf-Freunde ähnlich dachten wie ich. 

Doch neben der EDS-Alternative spielen zunehmend auch Wetter-Apps auf dem Smartphone eine große Rolle bei der allgemeinen Turnierplanung. Meist wird in der Wochenvorschau gecheckt, ob es am Spieltag zu warm, kalt, nass oder windig sein könnte. Je weiter der Wert vom Ideal (23° Celsius, leicht bedeckt, windstill) abweicht, desto kleiner das Teilnehmerfeld. Zeigt das Display am Tag vor dem Turnier gar eine schwarze Wolke am Himmel an, bricht allerorts die Seuche aus, denn plötzlich schmerzen die Glieder oder die Nase schwillt zu und es hagelt (bedauerliche) Absagen in letzter Minute. 

Gesunde Turnierkultur essentiell

Doch auch die Clubmitglieder haben sich in den letzten Jahren weiterentwickelt. So beschränkt sich das Clubleben des modernen Neugolfers nicht selten auf die monatliche Teilnahme an einem „After Work“-Turnier über neun Loch, zudem erwartet er, dass bei Rückkehr auf die Clubhausterrasse zügig die Siegerehrung über die Bühne geht, da der Abend ja noch jung ist. Golf stellt heute für viele Aktive nur noch eine Beimischung dar und ist beileibe kein Lebensinhalt mehr. Diese Spieler nutzen die Golfanlage wie ein Fitness-Studio, sie betreten das Clubgelände ausschließlich für ihre Golfrunde, was völlig legitim ist. Diesen Golfern würde es letztlich genügen, sich aus einem Automaten auf dem Parkplatz die Scorekarte zu ziehen. 

Doch eine gesunde Turnierkultur stellt einen essentiellen Baustein des Clublebens dar. Aus ihr entstehen neue Freundschaften, sie erzeugt (mehr oder weniger) gesunde sportliche Rivalitäten und fördert vor allem die Identifikation mit dem Golfclub. Ohne sie verkommt das Clubhaus zu einer anonymen Bahnhofshalle. Der Leidenschaft des Einzelnen am Golfspiel muss dies keinen Abbruch tun, aber schade drum wäre es schon.


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