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Coverstory: Caroline Masson POWER GIRL
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Eine Open für jedermann 18.07.2014

Amateurspieler Neil Bradley verdankt die Teilnahme seinem Sieg bei der British Amateur Championship im vergangenen Monat
Am ersten Turniertag besuchten ca. 40.000 Menschen das Gelände des Royal Liverpool und die meisten der Besucher sind sowohl äußerst fachkundig als auch selbst versierte Golfer
Martin Kaymer im Rough auf Bahn 7
Sergio Garcia
Tiger Woods
Francesco und Edoardo Molinari
Rory McIlroy
John Singleton hat während der Runde immer wieder Zeit, durch das Publikum zu seiner schwangeren Frau zu laufen
John Singletons Kollegen aus der Farbenfabrik sind bei jedem Schlag dabei
John Singleton hielt lange durch, bis er auf den Back Nine einbrach...
John Singleton aus England und sein Caddie beraten sich
John Singleton
Zum zwölften Mal wird The Open Championship auf dem Gelände des Royal Liverpool Golf Club ausgetragen, und bei diesen zwölf Ma- jors gab es erst drei amerikanische Champions, dafür aber sechs aus Europa
Phil Mickelson
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Liverpool, England – Die Open Championship trägt ihren Namen seit 1860 aus einem ebenso simplen wie einleuchtenden Grund, sie ist eine offene Meisterschaft für jedermann. Grundsätzlich kann sich jeder Golfer für das Turnier (bzw. die Qualifikationsrunden) anmelden, sofern er (oder sie) die Voraussetzungen erfüllt. Männer benötigen ein Handicap von 0 oder besser, Frauen müssen hingegen gute Platzierungen in diversen Turnieren der Damentour vorweisen können. Und so ist es wenig verwunderlich, das vor allem in Großbritannien (das Turnier heißt ja auch „British Open“) viele Freizeitgolfer von einer Teilnahme an diesem Major träumen. Dies wird beim Besuch der Championship klar, vor allem wenn man mit den Leuten ins Gespräch kommt. Am gestrigen Donnerstag war John Singleton, ein englischer Fabrikarbeiter, der nur wenige Autominuten vom Royal Liverpool Golf Course entfernt wohnt, das Gesprächsthema Nummer 1. Technisch gesehen ist John zwar kein Amateur mehr (er wurde im Februar diesen Jahres zum zweiten Mal in seiner Golfkarriere zum Profi, arbeitet jedoch nach wie vor als Farbenmischer und Gabelstaplerfahrer), doch John verkörpert all das, wovon jeder ambitionierte Amateurgolfer träumt. Einmal bei einer Open Championship im Rampenlicht stehen! Am ersten Turniertag besuchten ca. 40.000 Menschen das Gelände des Royal Liverpool und die meisten der Besucher sind sowohl äußerst fachkundig als auch selbst versierte Golfer. Jeder kennt irgendjemanden aus seinem Club oder erweiterten Bekanntenkreis, der sich schon einmal für eine Qualifikation zur Open Championship angemeldet hat. Zudem herrscht eine große Sympathie für die Amateurspieler im Feld, vor allem für Neil Bradley aus Schottland und Ashley Chesters, dem englischen Top-Amateur. Viele Zuschauer verfolgen auf dem Platz lieber eine Runde dieser Spieler, als sich den großen Golfkarawanen rund um Rory McIlroy oder Tiger Woods anzuschließen. Amateurspieler Neil Bradley verdankt die Teilnahme seinem Sieg bei der British Amateur Championship im vergangenen Monat. Nach Liverpool reiste er mit zwei Zielen, Tiger Woods zu treffen und den Preis für den besten Amateur zu gewinnen. An Vorhaben Nummer 1 konnte Neil schon am Mittwoch einen Haken setzen. Zwar traute er sich nicht, an den Übungstagen um eine Runde (oder wenigsten neun Löcher) an der Seite von Tiger zu bitten (dieses mutige Unterfangen vertagt er auf das Masters oder die U.S. Open, für die er ebenfalls eine Startberechtigung erhalten hat), jedoch klappte es schon einmal mit einem gemeinsamen Bild, dass er stolz auf Twitter postete. Doch schon ersten Turniertag blies Neil der eiskalte Wind der Golfrealität ins Gesicht. „was für ein Tag! Ein Platzmarschall hat meinen Ball aufgehoben und ich habe vom fünften Grün in einen Bunker geputtet. Vor dem Turnier war ich überzeugt, einen großen Vorteil gegenüber den anderen Teilnehmern, vor allem den Spielern von der PGA Tour zu haben. Ich spiele andauernd Links-Golf und kenne all die Schläge, die man bei Wind braucht, um auf einem Platz wie diesem Erfolg zu haben, in- und auswendig. Doch eine Runde bei diesem Turnier ist etwas ganz anderes.“ Aktuell rangiert der Schotte mit sieben Schlägen über Par auf dem geteilten 136. Platz und kämpft am Freitag um den Cut. Viel besser erging es da dem Engländer Ashley Chesters, der sich vor elf Monaten durch den Gewinn der European Amateur Championship qualifiziert hat. „Ich war noch nie so nervös in meinem Leben, wie vor dem ersten Abschlag. Ich bin heilfroh, dass der Ball die Schlagfläche berührt hat und geradeaus wegflog“, sagte der 24-jährige Amateur aus Hawkstone Park. Dann spielte Ashley gleich sein erstes Birdie und sein gewaltiger Anhang sowie die große Zuschauermenge, die sich schon um 7.30 Uhr morgens eingefunden hatten, um sich beste Sicht auf die folgenden Spielgruppen inklusive Rory und Tiger zu sichern, feierten den „Hobbygolfer“ ausgelassen. Insgesamt schaffte Ashley sechs Birdies bei nur vier Bogeys und platzierte sich nicht nur als bester Amateur im Feld sondern war auch der beste Engländer auf dem Platz – vor Justin Rose, Lee Westwood, Ian Poulter oder Luke Donald. „Ich hoffe wirklich, wir Engländer gewinnen auch mal wieder irgend etwas“, lacht Zufallsbekanntschaft Steve Brown neben mir. Wie jeder Brite in diesen Tagen, bleibt der Gewinn der Fußballweltmeisterschaft nicht unerwähnt, wenn ich als Besucher aus Deutschland identifiziert werde. Ich erhalte an diesem Tag mehr persönliche Gratulationen mit Handschlag als an einem durchschnittlichen Wiegenfest, obwohl ich außer plattgedrückte Daumen nun wirklich nichts zum Triumph von Jogis Buben beigetragen habe. Wir begleiten Bryden MacPherson, einen 20jährigen Amateur Champion aus Australien ausgerechnet zwischen Bahn 10 und 14 und beobachten, wie es den jungen Mann nach allen Regeln der Kunst zerlegt. „Double-Bogey, Double-Bogey, Quadruple-Bogey, Bogey Triple-Bogey“ lautete die niederschmetternde Bilanz der fünf Löcher und Steve nickt trotzdem anerkennend. „Ich habe selbst Handicap 8 und war letztes Jahr hier, um eine Runde zu gehen. Ich habe keinen Schlag besser gespielt als er. Der Platz ist so schwer und mit diesem Set-up geradezu mörderisch. Man muss es selbst sehen, um es einschätzen zu können. Wer am Fernseher sitzt uns sich denkt ‚Das könnte ich doch auch oder gar besser, hat überhaupt keine Ahnung, was hier abverlangt wird...“ Es entbrennt ein leidenschaftliches Gespräch über Amateurgolf und Profigolf sowie die unzähligen ambitionierten Spieler, die irgendwo in der Welt ihr Heil im Golfsport suchen. Steve ist sich sicher, dass ein Spieler, der bei dieser Open eine rote Zahl auf dem Leaderboard stehen hat, die anzeigt, dass er unter Par liegt, Dutzende Schläge pro Runde vollführen muss, die einem Durchschnittsamateur in dieser Qualität vielleicht einmal im Jahr gelingen. „Und dann aus purem Zufall. Und den Rest des Jahres redet man von diesem goldenen Moment!“ In diesem Augenblick brandet irgendwo großer Jubel auf. „Hörst du? Das war wieder so ein Schlag!“, meint Steve. Bryden schleicht sich wie ein geprügelter Hund davon und zwei weitere Zuschauer hinter mir auf der Tribüne am 14.Grün schalten sich ins Gespräch ein. „Seit 1992 gab es keinen Engländer mit einem Open Sieg, seit fast 50 Jahren kein World Cup – soviele Jahre des Schmerzes!“ Ich versichere, dass ich mit einem zweiten Platz von Martin Kaymer hinter Westwood oder Rose leben könnte. „Es ist wie verhext!“, jammert ein wettergegerbter Herr mittleren Alters in die Runde. „Unsere Jungs sind so gut, doch wenn es drauf ankommt, dann versagen sie. Lukey (Donald), Poults (Poulter), Casey, Westy (Westwood) – sie sind eine verlorene Generation. Nur Rosey (Rose) hat eine Majortrophäe an seinem Gürtel hängen. Und bei Euch? Ein Kaymer, zwei Majors. Das ist deutsche Effektivität! Wie im Fußball. Alles wie verhext...“ Ich überlege kurz, das World Cup-Finale 1966 mit dem Wembley-Tor als Ursache für diesen Fluch ins Spiel zu bringen, entscheide mich aber dagegen. Währenddessen kassiert Martin Kaymer ein Bogey und geht auf dem Leaderboard weiter auf Tauchstation. „Man kann eben nicht alles gewinnen“, lautet der einhellige Kommentar und die Laune der Engländer hellt sich augenblicklich auf. Vielleicht wird es ja doch noch etwas mit dem englischen Sieg bei der Open, ansonsten wäre man aber auch mit Rory McIlroy einverstanden. „Nur bitte kein Amerikaner! Die muss man bis zum Ryder Cup im September klein halten! Und schon gar nicht wieder Tiger...“ Hier das aktuelle Leaderboard. Weiterhin viel Spaß! GOLF TIME ist für Sie vor Ort und berichtet täglich live. © GOLF TIME Verlag GmbH Artikel zu diesem Thema:


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