Marketing vs. Material 26.10.2017

Equipment
Halten die Produkte das, was die Marketingabteilungen der Hersteller versprechen?
Johannes Herbig
Johannes Herbig, Jahrgang ’61, Inhaber der Fitting-Schmiede Clubmate Golf mit Stützpunkten in Pfungstadt und im Jordan Golfdom, Köln
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Mehr Länge und mehr Fehlerverzeihung – geht das überhaupt? Ein Gastbeitrag von Fitting-Experte Johannes Herbig.

A uch wenn die Golfsaison sich langsam dem Ende nähert, bringen einige Firmen neue Produkte auf den Markt und werben selbstverständlich mit den üblichen Versprechen von mehr Länge und mehr Fehlerverzeihbarkeit. Doch wie sollen diese beiden Parameter erreicht werden? Welche Technologien stecken dahinter? Und vor allem – halten die Produkte das, was die Marketingabteilungen der Hersteller versprechen?

Material-Mix

Da einige Firmen (Callaway, Cleveland, TaylorMade, Titleist) vor allem den Bereich der Eisen neu aufstellen, werden wir uns diesmal mit den Konstruktionsmerkmalen und den Auswirkungen auf das Fitting befassen. Ein großer Trend der vergangenen Jahre ist die Kombination verschiedener Materialien in einem Schlägerkopf, um bestimmte Ziele zu erreichen. Das Metall Wolfram wird in vielen Eisen-Designs genutzt, da es eine sehr hohe Dichte und damit ein sehr hohes spezifisches Gewicht aufweist. Man braucht also relativ wenig Volumen, um den Massenschwerpunkt deutlich zu beeinflussen und nach den Vorstellungen des Designers zu manipulieren. 

Mithilfe dieses Metalls lässt sich also das Trägheitsmoment eines Schlägerkopfes stark beeinflussen. Es gelingt, relativ kompakte Köpfe zu konstruieren, die vergleichsweise einfach zu spielen sind. Ein sehr gutes Beispiel hierfür ist der Titleist AP2. Die Version AP2 718 ist vom gemessenen Trägheitsmoment des Kopfes auf dem Niveau eines älteren AP1. Für einen Golfer hat das zur Konsequenz, dass sich sportlich aussehende Schläger deutlich einfacher spielen lassen, als das noch vor acht bis zehn Jahren der Fall war. Der Nachteil von Wolfram ist, dass es ein vergleichsweise teures Material ist, das sich dann auch durchaus auf den Verkaufspreis eines Eisens aus- wirken kann.

Eingesetzte Schlagflächen

Ein zweiter Trend, der sich in den letzten Jahren etabliert hat, sind die eingesetzten Schlagflächen bei Eisen. Diese haben zwei Effekte: Zum einen wiegt eine dünne Schlagfläche aus speziellen, hoch festen Legierungen weniger als eine normal dicke geschmiedete oder gegossene. Das sorgt für freie Masse im Schlägerdesign, die wiederum dafür genutzt werden kann, sie strategisch zu platzieren, im Sinne eines höheren MOI (Trägheitsmomentes). Der zweite große Vorteil ist, dass die Ballgeschwindigkeiten höher sind als bei den meisten Eisen-Designs, die aus einem Stück gegossen oder geschmiedet werden. 

Höhere Ballgeschwindigkeiten sind verantwortlich für mehr Länge. Wenn ein Ball bei gleicher Schlägerkopfgeschwindigkeit mit mehr Tempo auf die Reise geschickt werden kann, wird er logischerweise länger unterwegs sein. Im Einzelfall kann das loft-bereinigt durchaus drei bis acht Meter ergeben. Der dritte Aspekt der eingesetzten Schlagflächen steht im Zusammenhang mit dem Thema Fehlerverzeihung. In unserer Definition bedeutet dieser Begriff, dass ein schlecht getroffener Ball immer noch relativ viel Ballgeschwindigkeit erreicht, was die Längenabweichung zwischen guten und schlechten Schlägen verringert. Ein mieser Schlag wird immer ein mieser Schlag bleiben. Wenn aber der etwas schlechter getroffene Ball nicht 15 Meter Länge verliert, sondern nur acht Meter, besteht gegebenenfalls noch die Chance, über den Bunker zu spielen, oder ein Wasserhindernis zu meiden. So etwas kann dem Score am Ende der Runde durchaus zuträglich sein. 

Nachteil: Klang

Aber die eingesetzten Schlagflächen haben auch Nachteile. Einer der größten ist der Klang im Treffmoment. Die meisten dieser Eisen klingen extrem blechern. Da nun aber Klang und wahrgenommene Rückmeldung sehr stark zusammenhängen, werden diese Eisen oft als hart oder harsch wahrgenommen. Kombiniert man das dann noch mit einem „Flusskiesel“ als Ball (reine Distance-Bälle mit hartem Kern), dann kommt selten Freude auf. Einige Firmen versuchen hier Gegenmaßnahmen zu ergreifen, wie PXG mit dem TPU-Material zum Befüllen ihrer Hohlkammereisen, oder auch TaylorMade mit dem „Speed- Foam“ in den neuen Produkten. Ob das der Weisheit letzter Schluss ist, werden die kommenden Monate zeigen. 

Vergleichen hilft

Abschließend können wir aus der Erfahrung sagen, dass einige Konstruktionsmerkmale neuer Eisen sich sehr positiv auswirken. Aber man sollte trotzdem immer den direkten Vergleich im Auge behalten. Denn moderne Distanz-Eisen haben schon mal sehr gern vergleichsweise wenig Loft bei gleicher Eisenbezeichnung, was dann logischerweise zu mehr Länge führen muss. Bevor Sie also über zehn Meter Längenzuwachs im Rahmen eines Fittings jubeln, lassen Sie immer auch den Loft Ihrer bisherigen Eisen mit dem des neuen Produktes vergleichen. Nur dann ist ein ehrlicher Vergleich möglich.

Johannes Herbig, Jahrgang ’61, Inhaber der Fitting-Schmiede Clubmate Golf mit Stützpunkten in Pfungstadt und im Jordan Golfdom, Köln

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