golf time 82019
Coverstory: Profi-Tipps DIE HANDICAP TASKFORCE
Newsletter-Abo

Bleiben Sie am Ball: Abonnieren Sie unseren, zweimal pro Woche erscheinenden, Newsletter.

Man kann es sich nicht aussuchen ... 13.12.2016

Götz Schmiedehausen, stellv. GOLF TIME-Chefredakteur
0
»Auf einem Golfplatz lernt man viele interessante Menschen kennen. Die meisten vergisst man schnell wieder, manche werden Freunde fürs Leben, über andere schreibt man diese Kolumne«

Wer gerne und viel Golf spielt, lernt eine Menge interessanter Menschen kennen. Die meisten vergisst man schnell wieder, manch einer wird zum Freund fürs Leben, über andere schreibt man eine Kolumne. Ich hoffe, Sie finden sich hier nicht wieder …

Schon zum vierten Mal wurden wir von der Platzaufsicht aufgefordert, etwas schneller zu spielen, da sich hinter uns ein Stau gebildet habe, der an die A3 in Richtung Süden am ersten Sommerferienwochenende erinnert. Grund dafür ist mein Mitspieler, der aus Prinzip jedes Loch zu Ende spielt. Dabei geht er mit großer Akribie vor, was natürlich Zeit kostet. Immerhin gilt es, anspruchsvollste Schläge auszuführen, was auch vonnöten ist, um sich aus den unspielbaren Lagen zu befreien, in die er sich fortwährend bringt. Obwohl schon ein zweistelliges Schlagergebnis zu Buche steht, wird auch der finale Putt so gewissenhaft gelesen, als ginge es um den Sieg bei einem Major. Ich würde ihn gerne verprügeln.

Fairway-Hopper

„Schreib mir ein Par auf“, ruft mir mein Mitspieler zu, was ich ganz sicher nicht tun werde. Getreu dem Motto: „Sechs spielen, fünf zählen, vier schreiben“ schätzt der Kerl seinen Score einfach, anstatt sich die Mühe zu machen, die Schläge zu zählen. Will man ihn korrigieren, verfällt er in einen Zustand akuter Amnesie und versucht völlig unverfroren, den Bunkerschlag, den kurzen Chip und den dritten Putt auf dem Grün wegzudiskutieren. Lässt man ihn gewähren, darf man ihm am Abend auch noch zum Nettosieg gratulieren.

Der Fairway-Hopper taucht wie aus dem Nichts auf und bringt den Spielfluss jäh zum Erliegen. Auf „seinem“ Golfplatz gibt es viele erste Abschläge, denn seine Runde beginnt immer dort, wo gerade niemand in Sichtweite ist. Stellt man ihn zur Rede, bekommt man rotzfrech erklärt, dass er natürlich auf der Eins angefangen habe. Geht es ihm zu langsam, hüpft er weiter auf eine andere Spielbahn, die augenblicklich zu seiner neuen Nummer 1 wird.

Vier-Stunden-Bekanntschaft

Schon wieder ertönt der Refrain von „We are the champions“ in Maximallautstärke, denn das Mobil­telefon meines Mitspielers steht niemals still. Sofort reißt der offenbar ungemein wichtige Zeitgenosse sein plärrendes Handy aus der Tasche und fängt an, lautstark zu parlieren – egal ob man sich gerade im Rückschwung befindet oder nicht. Beim Kennenlernen am ersten Abschlag meinte er noch freundlich grinsend, es könne sein, dass er mal „ganz kurz“ telefonieren müsse. Ich hätte antworten sollen, es könne auch sein, dass er sich im Verlauf der Runde eine schmerzhafte Kopfverletzung zuzieht.

„Auch’n Bier“, grinst mich meine neue Vier-Stunden-Bekanntschaft nach dem ersten Schlag des Tages an und schwenkt auffordernd eine Dose. In seinem Golfcart befindet sich die Grundausrüstung für ein mobiles Oktoberfest und schon nach wenigen Bahnen beginnt der Mensch beim Ansprechen des Balls sichtlich zu schunkeln. In seiner Welt ist Golf nur cool, wenn man sich dabei sinnlos betrinken kann. Mit steigendem Alkoholpegel werden Dinge wie Anstand, Etikette oder allzu viele  Konsonanten einfach über Bord geworfen und er führt sich auf wie ein britischer Pauschalreisetourist an der Bar eines All-inclu-sive-Hotels. Im Grunde hat man nur drei Optio-nen: Ignorieren, mitmachen oder das Problem mit einem beherzten Schubser ins nächstgelegene Wasserhindernis dezent aus der Welt schaffen. 

Menschliche Fehlbarkeit

Perfektion ist unerreichbar, diese Erkenntnis gilt für alle Golfer. Doch nicht jeder kann sich mit der menschlichen Fehlbarkeit abfinden und regt sich deshalb fortwährend über das eigene Spiel auf. Bevor dieser Typ Golfer nicht 18 Holes-in-one auf einer Runde erzielen konnte, wird er nicht glücklich werden. Doch das wird er schon deshalb kaum erleben, weil ihm zuvor die vor Wut zum Zerreißen angeschwollenen Halsschlagadern platzen werden. Als Mitspieler wird man maximal bei der Begrüßung am ersten Abschlag zur Kenntnis genommen, dafür bekommt man eine erstaunliche Fülle Vokabeln zu hören, die es nie in einen Duden schaffen werden.

Götz Schmiedehausen, Autor des essenziellen Leitfadens durch die Welt des Golfwahnsinns in Buchform: „Golf oder gar nichts!“. Könnte ein Buch über den Wahnsinn schreiben, den er schon auf Golfplätzen erleben musste. Wenn er dies nicht schon getan hätte.


Artikel zu diesem Thema:
Kommentare 0 Bitte registrieren (erstmalig) Sie sich bzw. loggen Sie sich ein, um einen Kommentar zu schreiben
AUCH VON INTERESSE