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Coverstory: PHIL MICKELSON DER STRAHLEMANN
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Muss Ihnen das peinlich sein? 27.10.2014

Götz Schmiedehausen, Stellv. Chefredakteur GOLF TIME
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Im Golfsport gibt es ein klar definiertes Regelwerk, das in seiner (un)missverständlichen Komplexität aufklärt, was im Spiel erlaubt ist und was eine Bestrafung nach sich zieht. Zudem kann man im „Regelbuch der Etikette“ nachlesen, welcher ethische Verhaltenskodex dem „Geist des Golfspiels“ zuträglich ist. Doch anders als bei den Golfregeln, regiert in Verhaltensfragen nur der Menschenverstand, über dessen Gesundheitsgrad sich vortrefflich streiten lässt. Zwischen „latentem Fremdschämen“ und „unerträglichem Verhalten“ entfaltet sich eine breitgefächerte Skala der Peinlichkeit, auf der mit Sicherheit jeder Golfer schon einmal ein paar Bruttopunkte gemacht hat. Als Anfänger genießen Sie einen gewissen Grad an Narrenfreiheit, da Sie Gut noch nicht von Böse unterscheiden können. Sie dürfen einen Schlagzahlzähler oder eine dieser unsäglichen Zählperlenketten an der Tasche befestigen, gummierte Schutzhauben für Ihre Eisen benutzen oder ein Tee an der Schnur mit sich führen, um Ihren gelben oder orange-farbenen Ball ins Spiel zu bringen. Ähnlich wie ein verspielter Welpe signalisieren Sie so dem Rudel: „Ich bin neu, weiß es nicht besser, habt mich trotzdem lieb.“ Ebenso verzeihbar, jedoch in allen Golferschichten verbreitet, ist das Phänomen des „Erklärungsnotstandes“. Damit ist der geradezu zwanghafte Drang gemeint, hilflose Zuhörer mit der Belanglosigkeit der eigenen Golfrunde zu belästigen, indem diese haarklein Schlag für Schlag analysiert wird. Sollte sich Ihr Tisch immer wieder schlagartig leeren, wenn Sie das Wort ergreifen oder hat Ihr Gegenüber schon wieder sein müdes Haupt in seinen Teller Spaghetti Bolognese gebettet, könnte es sein, dass Ihre Golfabenteuer vielleicht doch nicht so aufregend sind, wie Sie gehofft haben. Haben Sie nach fünf Jahren Golf endlich die Nase aus dem Urschlamm der „Handicap 30“- Zone erhoben und fühlen sich nun berufen, jedem Mitspieler ungefragt „wertvolle“ Schwungtipps an die Backe schmieren zu wollen, empfiehlt sich ebenfalls der einfache Ratschlag: „Kopf zu!“ Ihr halbgares Wissen über den Golfschwung ist in etwa so hilfreich wie ein Blasenpflaster bei Keuchhusten. Die wirklich dunklen Charakterzüge manifestieren sich jedoch meist erst im Laufe einer Golfkarriere. Da gibt es den egozentrischen Golf-Autisten, der sich immer so verhält, als gäbe es die Mitspieler überhaupt nicht. Oder den Choleriker, der bei jedem schlechten Schlag einen Tobsuchtsanfall auslebt und nicht selten versucht, sich selbst zu verprügeln. Sehr „beliebt“ ist auch der Schummler, der im Turnier 6 spielt, 5 ansagt und 4 schreibt, gerne mal mit dem „Leder-Wedge“ eine suboptimale Ball-Lage optimiert und am Ende des Tages trotz grottenschlechter Runde den ersten Netto-Preis mit nach Hause nimmt. Über die verhassten Handicap-Schoner muss man nicht weiter sprechen, sie sind die niederträchtigste Zecke am Hinterteil des Turniergolfsports. Außerhalb dieses zwar lästigen aber doch noch harmlosen „Schonbereichs des Schambereichs“ bewegen sich die sozial wirklich unverträglichen Zeitgenossen, die sich bspw. jede Woche im Clubsekretariat aufführen wie ein HB-Männchen auf Ecstasy, weil andere Menschen die Frechheit besitzen, auch Golf spielen zu wollen und den Platz bevölkern. Endlich von der Leine gelassen, wird auf Teufel komm raus rumgepöbelt und das Durchspielrecht durch Warnschüsse eingefordert, die knapp hinter der vermeintlich zu langsam spielenden Gruppe einschlagen. Das Selbstverständnis dieser Zeitgenossen beschränkt sich auf den Leitsatz: „Ich zahle Beitrag, also ist der Golfplatz mein Eigentum!“ Wer bei Turnieren das Pech hat, mit diesen Typen spielen zu müssen, meldet sich meist krank oder bittet um Versetzung in eine andere Gruppe. Falls auch Sie besondere „Perlen der Peinlichkeit“ aus dem Sozial-Biotop „Golfclub“ erlebt haben oder sich wiedererkennen und beichten wollen, dann mailen Sie mir: [email protected] Götz Schmiedehausen, seit 2011 bei GOLFTIME, Autor des Buchs „Golf oder gar nichts!“ Bekennt sich schuldig, vor 13 Jahren kurzzeitig selbst Besitzer eines Satzes Eisenschoner gewesen zu sein. Ver- steht sich auf die Kunst, seine Umwelt mit seinen belanglosen Golfkapriolen anzuöden oder jede vermeintliche Erkenntnis bzgl. des eigenen Golfschwungs in Steintafeln meißeln zu wollen, um diese dem unwissenden Volk als das neue Golfgebot zu präsentieren . . . © GOLF TIME Verlag GmbH


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