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"Die Mittel sind begrenzt und suboptimal" 01.06.2018

Marcus Neumann, Vorstand Sport des DGV (Foto: DGV)
Marcus Neumann, Vorstand Sport des DGV (Foto: DGV)
Vorzeige-Anlage St. Leon-Rot
Vorzeige-Anlage St. Leon-Rot
Ruhe vor dem Sturm: 15. Allianz German Boys and Girls Open
Ruhe vor dem Sturm: 15. Allianz German Boys and Girls Open
Leaderboard der Allianz GBGO
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Platzübersicht im GC St. Leon-Rot
Platzübersicht im GC St. Leon-Rot
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Der Deutsche Golf Verband (DGV) stellt im Rahmen der 15. Allianz German Boys and Girls Open im Golf Club St. Leon-Rot sein überarbeitetes Rahmentrainingskonzept sowie seine Sportkonzeption vor. Ein wesentlicher Bestandteil ist die Verbesserung der Nachwuchs- und Leistungssportförderung.



Marcus Neumann hat sicher nicht den leichtesten Job beim DGV. Als Sportvorstand ist er für die Ausrichtung und Steuerung von Golf als Breitensport zuständig. Gleichzeitig muss er für den Leistungssport-Zweig günstige Rahmenbedingungen schaffen. Zwei Aufgaben, die sich nicht selten konträr gegenüberstehen. Ein Hauptproblem ist die Finanzierung.

Um Golf als Leistungssport in Deutschland weiter zu fördern und den vielen jungen Talenten, die ohne Zweifel vorhanden sind, einen Weg aufzuzeigen, muss investiert werden. In Trainer, in die Infrastruktur von Golf(trainings)anlagen, in Leistungszentren, wo Schule, Sport und Sozialleben aufeinander abgestimmt werden können. Die Mittel dafür sind begrenzt, wie Marcus Neumann beim Medientag im Rahmen der 15. Allianz German Boys & Girls Open im GC St. Leon-Rot sagt.

Nicht förderwürdig


Tatsächlich ist der DGV der einzige olympische Spitzenverband in Deutschland, der vom Bundesministerium für Inneres (BMI) für nicht förderungsfähig erklärt wurde. "Die Mittel für ein umfassendes, erfolgsversprechendes Fördersystem mit olympischer Zielsetzung sind begrenzt und suboptimal", heißt es deshalb im neuen Sportkonzept des DGV. Im Klartext bedeutet das: Das BMI meint, der DGV habe ausreichend Mittel, um den Leistungssport voranzutreiben und optimale Bedingungen – auch im Hinblick auf die olympischen Ziele – zu schaffen.

Darauf reagiert Neumann verschnupft. Denn der Leistungssport sei ein Bereich und die Interessen des Breitensports ebenfalls groß. Beiden Anspruchsgruppen muss man gerecht werden. Wie gesagt, der einfachste Job ist das nicht.

Akzeptanz erhöhen


Versuche, die Akzeptanz von Golf als Leistungssport in Deutschland zu erhöhen, unternimmt der DGV seit Jahren. Unter anderem mit der Einführung der Deutschen Golf Liga (DGL), als "prägende DGV-Galionsfigur". Zusammen mit weiteren Modernisierungen des Wettspielsystems soll die Liga dafür sorgen, dass "möglichst alle Mitglieder des DGV erkennen mögen, dass das leistungsorientierte Wettspiel ein wesentlicher und werthaltiger Markenkern" des Golfsports ist.

Man ist sich gleichwohl bewusst, dass der existenzielle, wirtschaftliche Druck in vielen Golfanlagen hoch ist. Das führt zu Einsparungen, die oft im Nachwuchs- und Leistungsbereich vorgenommen werden.

Paradebeispiel St. Leon-Rot


Ein Paradebeispiel für eine durchdachte, zukunftsfähige Nachwuchs- und Leistungssportförderung, wie sie sich der DGV von weiteren Golfanlagen in Deutschland wünscht, ist der Golf Club St. Leon-Rot. Ganz sicher sind die wirtschaftlichen Möglichkeiten der 1996 von SAP-Gründer Dietmar Hopp gegründeten Golfanlage vor den Toren Heidelbergs nicht mit denen eines durchschnittlichen deutschen Golfclubs zu vergleichen. Dennoch verdienen die sinnvollen Investitionen Anerkennung.

Seit 1996 sind in der Kurpfalz zwei Championship-Plätze, ein 9-Loch-Kurzplatz, eine beidseitig bespielbare, riesige Driving Range, ein Short Game Center of Excellence sowie seit Mai 2017 das 16.000 Quadratmeter großes Wedge-O-Drom. Dort kann aus unterschiedlichsten Lagen gechippt, gepitcht und das Bunkerspiel geübt werden. Allein das Chipping-Grün dieser beeindruckenden Trainingsstätte ist rund 1.800 Quadratmeter groß. Kein Wunder, dass Eicko Schulz-Hanßen, Geschäftsführer des GC St. Leon-Rot, stolz ist: "Auf diesem einzigartigen Trainingsareal kann man über 70.000 verschiedene Schläge trainieren."

550 Kinder und Jugendliche in Jugendförderprogramm


Imposant ist der 2,20 Meter tiefe Pot-Bunker am Chipping-Grün. "Hier lernen unsere Kids, dass es nicht schlimm sein muss, einen Bunker über einige Treppenstufen zu betreten. Wenn sie dann mal in Schottland Golf spielen, kennen sie das Gefühl schon", beschreibt Schulz-Hanßen weitere, durchdachte Trainingseffekte auf dem Gelände des Wedge-O-Droms. Ein Highlight befindet sich am Rand der Übungsfläche: Auf hohen Masten thronen Flutlichtscheinwerfer über dem Wedge-O-Drom. Sie leuchten die Fläche bei Dämmerung und Dunkelheit heller aus, als es das Tageslicht teilweise kann.

Optimale Bedingungen also, die der Golfclub St. Leon-Rot seinen derzeit rund 1.600 Mitgliedern anbietet. Da ist es auch kein Zufall, dass sich junge Toptalente für die Sportförderung des GCSLR entscheiden. 550 Kinder und Jugendliche werden aktuell durch das Jugendförderprogramm des Clubs betreut. Neben leistungsorientiertem Golftraining stehen in dem 5-Säulen-Konzept auch die Förderung von sozialer Kompetenz oder die berufliche Bildung der jungen Talente im Fokus.

Ab in die USA


Die umfassende Jugendförderung baut der Club weiter aus. Zurzeit befindet sich ein Gebäude direkt am Club im Bau. Darin entstehen 15 Doppelzimmer für junge Golfer, die im Förderprogramm des Clubs trainieren, lernen und leben. Außerdem baut der GCSLR ein Athletikzentrum, um den Sportlern im Club optimale Trainingsbedingungen für den physischen Bereich zu ermöglichen.

Der Aufwand, den der GC St. Leon-Rot für die Nachwuchs- und Leistungssportarbeit betreibt, ist immens und ganz sicher eine große Ausnahme im Vergleich deutscher Golfanlagen. Und so bleibt deutschen Toptalenten im Golfsport häufig der Weg auf das deutlich (leistungs)sportfreundlichere System in den USA. Ein positives Beispiel ist sicherlich der Münchener Stephan Jäger, der mit 17 in die Vereinigten Staaten ging und sich – außerhalb des DGV-Kadersystems – gegen harte Konkurrenz bis auf die PGA Tour gespielt hat.

"Nicht für jeden der richtige Weg"


"Bei Stephan Jäger hat dieser Weg gut funktioniert. Das bedeutet aber nicht, dass er für jeden jungen Spieler der richtige ist. Wir unterstützen die Jungs und Mädchen aktiv bei der Entscheidungsfindung und überlegen, was für jeden individuell ein passendes Modell sein kann", sagt DGV-Sportvorstand Neumann. Eine wichtige Komponente bei der Entwicklung der deutschen Toptalente, von denen viele im Feld bei der 15. Allianz GBGO um eine gute Platzierung kämpfen, ist die Kommunikation zwischen den Bundestrainern und den Heimtrainern der Spieler.

"Das ist eine unserer Hauptaufgaben und extrem wichtig", weiß Jungen-Bundestrainer Christoph Herrmann um die Bedeutung der Absprachen mit den Heimtrainern. Das sei nicht immer einfach, habe sich aber in den vergangenen Jahren erheblich verbessert. "Wir müssen die Koordination um die Spieler herum gewährleisten", sieht Herrmann eine Gemeinschaftsaufgabe bei Bundestrainern und Heimtrainern. Doch: "Die Impulse sind ganz unterschiedlich und sehr individuell."

Spieler im Mittelpunkt


Deshalb stehe der Spieler oder die Spielerin im Mittelpunkt. Das ist ein Kernpunkt der komplett überarbeiteten Rahmentrainingskonzepts (RTK) des DGV. Schließlich ist die Entwicklung bei jedem Sportler unterschiedlich. Manche sind deutlich früher weiter in ihrem spielerischen Können als andere. Darauf müsse man eingehen, da sind sich Herrmann und sein Kollege Sebastian Rühl, der für die Mädchen zuständig ist, einig. Mit dem RTK will der DGV Golflehrern in Deutschland einen Leitfaden für die Trainingssteuerung an die Hand geben.

Es enthält Trainingsinhalte, die der Deutsche Golf Verband unterstützt und nach denen die DGV-Bundestrainer lehren. Auf Basis dieses Konzepts können die Coaches eine individuelle Trainingssteuerung für die jeweiligen Leistungssportler vornehmen. So sähe es im Idealfall jedenfalls aus. Eine Garantie, damit den nächsten Martin Kaymer oder die nächste Caro Masson zu formen, gibt es natürlich nicht. 

"Die Entwicklung eines Golfspielers dauert lange. Was viele nicht wissen: Die durchschnittliche Verweildauer eines Spielers in unteren Spielklassen, wie der Pro Golf Tour, Challenge Tour oder Web.com Tour beträgt sieben Jahre", weißt Christoph Herrmann darauf hin, wie schwer es ist, "den Nächsten, oder die Nächste" auf einer Spitzentour vorherzusagen. Das könne – trotz vieler Toptalente – auch noch einige Jahre dauern. Die aktuelle Situation der Nachwuchs- und Leistungssportförderung verstärkt die Hoffnung darauf nicht unbedingt.


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