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Warum nicht mehr zum Pro? 30.03.2016

Marco Zaus
Die Trainerstunde gerät außer Mode
Marco Zaus
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Marco Zaus, seit 2001 Fully Qualified PGA Professional und Coach von zahlreichen Auswahlspielern, über das natürliche Lernen und warum Hobby-Golfer nicht regelmäßig zum Golf-Pro gehen.

Warum wollen immer weniger Golfer regelmäßig zum Pro? Ich konnte das auch schon beobachten und kann das nach vielen Gesprächen mit Hobby-Golfern über fast zwei Jahrzehnte gut verstehen. In der Regel laufen Pro-Stunden nach diesem Schema ab: Sie buchen eine Stunde. Sie schildern Ihre Probleme. Ihre Bewegung wird nach Fehlern untersucht. Die Fehler werden korrigiert – oder anders ausgedrückt: Sie müssen Ihre gewohnte Bewegung in einer Richtig-und-falsch-Analogie umstellen, und dies meist noch mitten in der Saison oder – noch schlimmer – kurz vor einem Turnier (im Winter wäre so ein Training gerade noch vertretbar).

Lernprozess

Natürliches Lernen läuft jedoch ganz anders ab: Hier gibt es kein Richtig und Falsch, maximal ein Günstig und Ungünstig, um einen bestimmten Ballflug zu erreichen, der über ein viel motivierenderes und mehr Spaß bringendes Ausprobieren erworben wird. Ich stelle mir vor, dass meine Schüler sechs Jahre alt sind und Spaß am Ausprobieren in sich tragen, obwohl uns dies über Jahre im alten Schulsystem genommen wurde. Wir alle sind von früher Bulimie-Lernen gewohnt, aber in unserer Freizeit lehnen wir das ab – meiner Meinung nach auch zu Recht. Sie als Hobby-Golfer haben also ein Gespür fürs Lernen, welches nur von wenigen Coaches bedient wird oder bedient werden kann.

Wie kann natürliches Lernen in der Realität aussehen?

Das ist eine gute Frage, mit der sich einige Coaches aus Golf, Tennis, Leichtathletik und auch Fußball auseinandersetzen. Prof. Dr. Wolfgang Schöllhorn gibt uns Coaches mit unseren intuitiven Eingebungen zum Thema "natürliches Lernen" zum Glück noch eine wissenschaftlich fundierte Grundlage hinzu. Er nennt diesen Lernstil "differenziertes Lernen" und kam über viele Untersuchungen an der Uni Mainz zu der Aussage, dass bessere Leistung entsteht, wenn man NICHT monoton die ideale Technik einschleift, sondern möglichst viel variiert.

Er weist nach, dass im differenziellen Lernen die Leistung auch nach dem Training weiterhin ansteigt, wohingegen im klassischen Stil eher Rückfälle auf das alte Leistungsniveau auftreten. Schöllhorn gibt dem klassischen Lernen einen wissenschaftlichen Tritt in den Hintern. Daher möchte ich Ihnen noch ein Bild aufzeichnen, wie ein besserer Unterricht für den Hobby-Golfer aussehen kann.

Erwartungshaltung

Zuerst gilt es für mich, mit einem neuen Schüler zu klären, was er genau von dieser Trainingseinheit erwartet und ob er sich grundsätzlich für ein Training öffnen kann, das man dann Sport nennen kann, statt nur kurzfristige Optimierung zu suchen. Dann gilt es zu klären, ob der Schüler Bereitschaft mitbringt, gewohnte Denkweisen zum Thema Lernen zu hinterfragen.

Zuletzt brauche ich einen Rahmen, wie viel Zeit der Schüler pro Woche dem Lernen, Optimieren und Neuerwerben von Fertigkeiten aufwenden auch ohne Pro möchte. Da all dies sehr individuell ist, läuft dann auch das Training von jedem einzelnen Golfer ganz spezifisch ab.

Stimmt es, dass man sich nicht mit Profi-Golfern vergleichen sollte?

Ein kinematisches Kopieren von Meistern bringt nichts. Bedenken Sie, dass die Fachbücher Hogan, Nicklaus, Faldo und Woods (die vier Legenden des Spiels) so beschreiben, wie sie als sehr fertige Spieler spielen und nicht, wie sie zu diesen Fertigkeiten gelangt sind! Außerdem spielen und trainieren wirklich alle Top-Spieler anders. Selbst die beiden Molinari-Brüder haben sich beim selben Coach sehr unterschiedlich in der Bewegung entwickelt.

In der Psychologie heißt es: Willst du unglücklich sein – dann vergleiche dich mit anderen... Von allen Meister-Büchern scheinen mir jedoch Ben Hogans Bücher („Five Lessons“ und „Der Golfschwung“) noch am besten zum natürlichen Lernen zu passen, da er seine Erkenntnisse selbst aufschrieb.

Allerdings ist es nicht das Wissen von einer Bewegung, sondern das Ausführen vieler Bewegungen, was Sie schließlich besser spielen lässt. Der Weg ist ein Erwerb von Fertigkeiten, die Sie dann auf Ihrem Niveau und Ihrem Zeitfenster gemäß können gleich ein gefühltes und vor allem echtes Wissen.

Marco Zaus  

Marco Zaus, seit 2001 Fully Qualified PGA Professional, Coach von zahlreichen Auswahlspielern


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