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Coverstory: PHIL MICKELSON DER STRAHLEMANN
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Schonbereich ohne Schambereich 10.03.2017

Götz Schmiedehausen, stellv. GOLF TIME-Chefredakteur
Götz Schmiedehausen, stellv. GOLF TIME-Chefredakteur
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In Ausgabe 2/2012 veröffentlichte ich schon einmal eine Kolumne zum Thema „Handicap-Schoner“. Der DGV vermutet in seiner ca. 650.000 Clubgolfer umfassenden Gemeinde nur etwa 100 notorische „Sand-Bagger“, die sich gerne auf dem schmalen Grat zwischen Bogey und Double-Bogey verstecken, der sich über die Distanz von 18 Golfbahnen jedoch zu einem wahren Grand Canyon der Niedertracht ausdehnen kann.

Möchte man diese glücklicherweise recht exotische (doch leider nicht vom Aussterben bedrohte) Spezies also aus nächster Nähe studieren, muss man ihre favorisierten Jagdreviere kennen. Hochdotierte Veranstaltungen, bevorzugt im nichtvorgabewirksamen Team-Format ausgetragen, üben eine geradezu magische Anziehungskraft auf den gemeinen Handicap-Schoner aus. Dank einer glücklichen Fügung konnte ich im Dezember 2016 „undercover“ an der Finalreise einer deutschlandweit ausgetragenen Turnierserie einer großen Tageszeitung teilnehmen, die als Hotspot des besagten Personenkreises gilt.

Die Mehrzahl der 60 Qualifikanten zu dieser Finalreise bestand jedoch aus grundehrlichen Zeitgenossen, die zum ersten Mal in den Genuss der Teilnahme gekommen waren und die sich seit ihrem erfolgreichen Qualifikationsturnier redlich bemüht hatten, ihre Vorgabe weiter zu senken. Doch es gab auch Martina (Hcp. 36) und Andreas (Hcp. 33) aus Süddeutschland. Selbst der Veranstalter weiß nicht mehr, wie oft das Paar schon das Ticket für die Finalreise gelöst hat. Martina erzählte mir beim Abendessen, wie schön und vor allem günstig dieser jährliche Urlaub doch sei. Golf spiele sie eigentlich gar nicht gerne, vielmehr sei Tennis ihre Leidenschaft. Andreas hingegen verstehe selbst nicht, warum er kein besseres Handicap habe. Nur beim alljährlichen Qualifikationsturnier mutieren die beiden zu wahren Golfmaschinen und spielen selten unter 45 Nettopunkten. Im Laufe des Abends deutete Andreas in Richtung des Nebentisches und raunzte mir verschwörerisch zu: „Das da drüben, das sind alles Betrüger!“

Sein vergleichsweise hohes Handicap spiegelte seine Passion in keinster Weise wider

Die so im Handumdrehen denunzierten Mitreisenden können ebenfalls auf eine langjährige Turnierhistorie zurückblicken. Das Teammitglied Thomas, einen adretten Endfünfziger mit sportlicher Figur, lernte ich am nächsten Tag als einen meiner Flightpartner kennen. Golf sei seine größte Leidenschaft im Leben, erklärte Thomas mir. Doch sein vergleichsweise hohes Handicap spiegelte seine Passion in keiner Weise wider. Ebenso wenig wollte es zu den qualitativ hochwertigen Schlägen passen, die er aus dem Hut zauberte – mit denen er jedoch nur erstaunlich wenige Nettopunkte generierte. Stattdessen wurde ich erstmals selbst Zeuge, wie ein Handicap-Schoner das „unauffällige“ Einstreuen kleiner Fehler zur Kunstform erhebt, um den Score im Rahmen zu halten. Schließlich ging es bei dem Finalreiseturnier nur noch um die Ehre. Also im Grunde nichts, was für diesen Herrn wirklich von Interesse gewesen wäre.

Ein Lernschritt, den das Siegerteam der Veranstaltung, das mit einer geradezu unanständig hohen Punktzahl ins Ziel kam, wohl erst noch vollziehen muss. Die vier hoffnungsvollen Nachwuchs-Handicap-Schoner gewannen jedenfalls auch den (von mir ausgelobten) Preis für „Maximale Unverfrorenheit bei der Rechtfertigung der krassen Diskrepanz zwischen der vorgetragenen Spielstärke und dem lausigen Handicap“: „Wir nehmen nicht am Clubleben teil. Wir spielen nur Privatrunden und keine Turniere.“ Aber zur Teilnahme am Qualifikationsturnier zum Gewinn der Reise hatte man sich offenbar gerne herabgelassen. Und die Abkürzung „EDS“ steht bei diesen halbseidenen Zeitgenossen natürlich für „Extrem dreiste Schummler.“

Aber im Grunde sind die Veranstalter dieser und anderer attraktiver Turnierserien selbst an dem Parasitenbefall schuld. Es gäbe unzählige Ansätze, dem Treiben effektiv Einhalt zu gebieten. Da es sich meist um Wiederholungstäter handelt, müsste man, wie es bspw. die Porsche Serie vormacht, einfach ein Turnier-Handicap führen. Oder man legt eine Obergrenze für das Team-Handicap fest, das in der Summe bspw. nicht über 18 liegen darf. Derzeit steht jedoch der Sieger der Veranstaltungen, an denen Andreas, Martina, Thomas und Co. teilnehmen, schon vor dem ersten Schlag fest. Denn es heißt auch 2017 wieder: „Und jährlich grüßt das Murmeltier.“

Götz Schmiedehausen, Autor des essenziellen Leitfadens durch die Welt des Golfwahnsinns in Buchform: „Golf oder gar nichts!“ Ist auch noch nach fünf Jahren stolz auf seine Formulierung: „Handicap-Schoner sind ein hässlicher Pickel auf dem Anus des Golfsports“.


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