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„Viele Kinder möchten nicht mehr leben“ 01.12.2016

Die Kinder von Aleppo: Sie brauchen nicht nur Essen und Kleidung, sondern auch psychologische Zuwendung
Katharina Ebel: Koordiniert die Nothilfe der SOS-Kinderdörfer in Syrien / Foto: Patrick Wittmann
Spielen ist für die Kinderseelen eminent wichtig, um trotz der gefährlichen Umgebung ein Gleich­gewicht zu erreichen
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Katharina Ebel über die katastrophale Lage der Kinder im syrischen Aleppo und wie ihnen geholfen werden kann.

Die Samsonite Club-Tour unterstützt die Hilfsprogramme der SOS-Kinderdörfer weltweit in der Dominikanischen Republik (wir berichteten). Doch nicht nur dort sind Kinder und Familien dringend auf Hilfe angewiesen. Besonders dramatisch ist derzeit die Lage der Kinder im syrischen Aleppo. Wir sprachen mit Katharina Ebel, sie koordiniert die Nothilfe der SOS-Kinderdörfer in Syrien und war erst kürzlich vor Ort.

Frau Ebel, wie gehen Kinder mit der ständigen Gefahr in Aleppo um?
Kinder lernen sehr schnell! Sie wissen genau, was sie zu tun haben, wenn Scharfschützen in der Gegend sind: Sie laufen im Zickzack. Und jedes Kind in Aleppo weiß auch, was es tun muss, wenn es den Pfeifton einer Rakete hört: hinwerfen, Augen und Ohren zuhalten, Mund auf. Die meisten Kinder in Aleppo kennen Blut, Zerstörung, Tote. Das, was für uns unnormal, ein grauenhafter Ausnahmezustand ist, ist für sie Normalität. Sie kennen nichts anderes. 

Was macht diese Situation mit der Seele der Kinder?
Kinder, die in einem Gebiet wie Aleppo leben, sind unter ständigem Stress und Angst. Viele zeigen Symptome von Traumata, haben Alpträume, Angstzustände, sind weinerlich, teils depressiv. Sie trauen niemandem oder haben große Verlustängste. Die Traumata und der Stress überlagern ihr Erinnerungsvermögen. Es ist als hätte Sie jemand per Schlüssel in einen permanenten Alarmzustand versetzt und dann den Schlüssel weggeworfen.

Wie gehen die Kinder mit diesen Traumata um?
Viele Kinder sind nach fast sechs Jahren Krieg zermürbt. Wir haben täglich mit Kindern zu tun, die sagen: „Lieber sterbe ich, als das noch länger mitzumachen!“ Die tiefe Verzweiflung treibt viele Kinder von Aleppo zu Aggression gegen andere oder sich selbst. Ein Junge, der sich kürzlich das Leben nehmen wollte, war erst zwölf Jahre alt.

Wie können die SOS-Kinderdörfer da helfen?
Neben der Nothilfe, die rund 25.000 Kinder und Erwachsene in und um Aleppo mit Nahrung, Kleidung, Medikamente und so weiter versorgt, haben wir in jeder Einrichtung fünf Psychologen. Sie versuchen, an die Kinder und ihre Traumata heranzukommen und ihnen wieder Vertrauen zu geben. Ein geregelter Tagesablauf wie etwa Schule hilft hier sehr viel.

Sind die Schulen von Aleppo noch geöffnet? 
In Aleppo ist nur noch etwa jede fünfte von einst 4000 Schulen geöffnet. Wir arbeiten gerade hart daran, eine Schule wiederzueröffnen. Wie gesagt: Ein geregelter Tagesablauf, Lernen ist wichtig für die Seele der Kinder. Zudem ist die Schuleröffnung auch so etwas wie ein Signal der Hoffnung für die Menschen in der Stadt.

Sie haben neben der Nothilfe auch SOS-Kinderdörfer in Syrien?
Ja, aber derzeit nur eines in Damaskus. Ein zweites in Aleppo musste bereits 2012 evakuiert werden. Panzer waren mitten durch das Dorf gefahren. Seither sind die Kinder aus Aleppo gemeinsam mit den Kindern im Kinderdorf in Damaskus untergebracht. Und es wurden weitere Kriegswaisen aufgenommen. Nun platzt das Kinderdorf aus allen Nähten. Daher werden wir demnächst in Damaskus ein zweites SOS-Kinderdorf eröffnen, auch um weitere Kriegswaisen aufzunehmen. 

Weitere Infos zur Arbeit der SOS-Kinderdörfer weltweit in Syrien finden Sie unter: 


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