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Wie schwierig ist Golf für die Schulter? 27.07.2019

Was tun bei Schulterproblemen?
Was tun bei Schulterproblemen?
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Auch Golfer leiden häufig unter Problemen mit der Schulter. Was kann man dagegen tun? Ein Gespräch mit Prof. Dr. med. Ulrich H. Brunner, Chefarzt der Abteilung Unfall-, Schulter- und Handchirurgie im Krankenhaus Agatharied.



Wenn es um das auch im Golfsport präsente Thema Schulterverletzung geht, ist Prof. Ulrich Brunner ein faszinierender Gesprächspartner. Er verfügt über eine 30-jährige Erfahrung als Schulter- und Ellenbogenchirurg, leitet zusammen mit dem Gelenksersatzexperten PD Dr. Peter Prodinger die Abteilung Unfallchirurgie und Orthopädie am Krankenhaus Agatharied. Täglich führt er neben Operationen auch intensive Gespräche mit den Patienten durch. Brunner schafft es dabei, komplexe Zusammenhänge einfach zu erklären. Ein Gespräch über Probleme, Folgen und Lösungen zum Thema Schultererkrankungen.

GT: Professor Brunner, wie schwierig ist der Golfschwung für die Schulter im Vergleich zu anderen Sportarten? 
Prof. Brunner: "Ein Golfer kommt zumeist auch bei voller Drehbewegung nicht in eine Endposition, die das Schultergelenk maximal herausfordert. Ein Pitcher beim Baseball dreht die Schulter beim Ausholen um 130 Grad nach hinten, das kann ein normaler Mensch gar nicht. Das ist natürlich problematischer. Das ist auch ein Grund, weshalb Golf bei älteren Menschen sehr beliebt ist. Man kann auch bei eingeschränkter Beweglichkeit gute Ergebnisse erzielen."

Dennoch klagen auch viele Golfer über Probleme. Wie kann man vorbeugen?
"Natürlich brauchen wir die Festigkeit in der Sehne. Ganz viel kann man durch die muskuläre Stabilität kompensieren. Es ist immer eine Kombination. Golf erfordert eine stabile Kette aller Gelenke – vom großen Zeh bis zum kleinen Finger. Um ein guter Golfer zu sein, muss man gewisse körperliche Bedingungen mitbringen. Dazu gehört natürlich die muskuläre Kontrolle, vor allem am Rumpf. Auch über die Schulter. Sie fängt am Rumpf an und fungiert wie ein Zwischengelenk zwischen Rumpf und Arm."

Wie gehen sie mit Patienten um? Was kann konservativ behandelt werden, wann ist eine Operation nötig?
"Ich schicke sehr viele Menschen ohne Indikation zur Operation, also zur konservativen Behandlung wieder weg. Als kommunales Krankenhaus mit sehr großem Zulauf in die Schulter-Ellenbogen-Sprechstunde stehen wir nicht unter Erfolgsdruck. Es gibt viele private Institutionen, die eine gewisse Quote erzielen müssen. Grundsätzlich ist eine Operation, wenn sie richtig indiziert und gut durchgeführt wird, etwas sehr Gutes. Man muss den Leidensdruck und die Prognose des Patienten berücksichtigen. Viele degenerative Erkrankungen werden konservativ behandelt. Ein Tennisellbogen wird z.B. ohne Operation zu 90 Prozent wieder heilen. Eine Verletzung oder beispielsweise bestimmte Konstellationen von Sehnenschäden sprechen eher für eine Operation. Oft ist Nachtschmerz, der den Leidensdruck erhöht und der nicht abklingt, ein Argument für eine Operation. Aber es spielen noch sehr viele weitere Faktoren eine Rolle. Vielen Patienten muss man erstmal die Optionen und Ihre Bedeutung für den Heilungserfolg und den Behandlungsverlauf erklären."


Prof. Dr. med. Ulrich H. Brunner

Was gibt es für Optionen bei künstlichen Schultergelenken? Und welche Option ist für Golfer die beste?
"Es gibt anatomische und nicht-anatomische Kunstgelenke. Der Golfschwung ist soweit anatomiegerecht. Die Kugel dreht sich in der Pfanne. Die Bewegung kommt aus dem Rumpf, aus dem Schulterblatt, das dem Rumpf aufliegt und dem eigentlichen Schultergelenk. Ein anatomisches Schultergelenk sieht aus wie die natürliche Anatomie mit Pfanne und Kugel. Drumherum die Rotatorenmanschette, was einen physiologischen Bewegungsablauf ermöglicht. Die älteren Menschen haben oft Sehnendefekte weshalb sie eine umgedrehte Prothese, also ein Scharniergelenk bekommen. Ein völlig anderer Mechanismus. Aber auch hier ist Golfsport wieder möglich."

Inwieweit leidet darunter der Golfschwung?
"Je länger Sport betrieben wurde, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass man seinen Sport wieder gut ausüben kann. Sicher wird die Leistung nach einer Prothese nicht besser werden als sie vor vielen Jahren war noch ohne Schulterprobleme. Aber man kann durch Anpassung der Bewegung sehr viel erreichen. Man muss sich richtig bewegen und schwierige Positionen vermeiden. Der Golfer sollte zum Trainer gehen, um sich eine angepasste Bewegung anzueignen. Bei manchen Individualisten ist das allerdings nicht so einfach."

Wo wäre eine Veränderung des Schwungs am sinnvollsten?
"Ohne jetzt ein Golfexperte zu sein, würde ich mit dem Griff beginnen, der große Auswirkungen auf die Bewegungskette haben kann. Auch wenn ich schon öfters gehört habe, dass es Golfern besonders schwer fällt, den Griff anzupassen. Man sollte vom Ball weg denken und nicht vom Boden. Auch beim Golferellbogen bietet es sich an, mit dem Griff zu arbeiten, um andere Handgelenkspositionen zu erzielen. Zuletzt kam ein Patient, der mir seine neue Bewegung demonstriert hat, wie er die veränderte Mechanik an der Schulter durch Haltungs- und Griffänderung gut ausgleichen kann, wie er durch eine veränderte Fußstellung das Becken dreht. Er kompensiert in Rumpf und Unterkörper die Mechanik in der Schulter. Aber so ein Bewegungsverständnis muss man auch erstmal aufbringen."

Auf was muss man allgemein bei Sport mit künstlichen Gelenken achten?
Kunstgelenke sind Verschleißteile, die man gut behandeln muss. Man darf es natürlich nicht übertreiben. Ich sage Patienten, die mich beispielsweise fragen, ob sie schon wieder Skifahren dürfen, immer: ‚Ja, natürlich, solange Sie nicht hinfallen.‘ Wenn jemand Marathon mit Hüftprothese laufen möchte, wird es schwieriger, da er ständig Erschütterungen abbekommt. Da kommt man an eine Grenze, weil man die Stöße nicht so gut kompensieren kann. Bei Golfern ist es weniger problematisch.

Wie bestimmt man den Zeitpunkt, wieder mit dem Sport anzufangen?
Auch Golfer könnten viel früher wieder nach Verletzungen abschlagen, wenn sie nur „gute“ Schläge machen würden. Ein weich getroffener Ball produziert wenig Erschütterung. Problematisch wird es erst, wenn man ins Rough schlägt oder zu viel Boden mitnimmt. Man dürfte früher wieder Golf spielen, wenn man den Ball gut trifft. Das umzusetzen, ist aber natürlich nicht einfach. Da liegt die Grenze. Natürlich sind ein guter Fitnesszustand und eine stabile Gelenkführung die perfekte Voraussetzung.

Vielen Dank für das Gespräch!

Prof. Brunner war von 2006 bis 2015 Präsident bzw. Vize-Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schulter- und Ellenbogenchirurgie und ist wissenschaftlicher Leiter diverser renommierter Fortbildungen im Bereich der Schulter- und Ellenbogenchirurgie. 


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