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Willkommenskultur auf der grünen Wiese 14.08.2018

Willkommenskultur auf der grünen Wiese
Willkommenskultur auf der grünen Wiese
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Vorsicht! Dieser Beitrag kann Spuren von Ironie enthalten. Der Autor übernimmt keine Haftung bei Unverträglichkeit.


Götz Schmiedehausen 

Was ist nur aus diesem, unserem Lande geworden? Überall in Deutschland öffnen die Golfclubs ihre Schlagbäume einem unkontrolliert hereinströmenden Heer der Ahnungslosen. Golfschulen bieten Platzreifekurse an, die ein Bestehen des Golfführerscheins innerhalb kürzester Zeit versprechen. 

In fünf Tagen, am Wochenende, ja, ein Anbieter stellt gar in Aussicht, diese blutigen Anfänger innerhalb von nur zwölf Stunden mit Zulassungspapieren auszustatten. Was für eine Zumutung für uns altgediente Clubmitglieder! Wie sollen diese Freiluftsportasylanten innerhalb so kurzer Zeit unsere Kultur und unsere Sprache erlernen? Unfassbar! 

Früher (als wirklich alles besser war) mussten wir unwürdigen Novizen vor dem ersten Schritt oder gar Schlag auf dem heiligen Boden des Golfplatzes eine Schule durchlaufen, die diesen Namen wirklich noch verdiente. Unser ehrwürdiger Golf-Sensei, natürlich entsprungen aus dem Schoss des Golfmutterlandes, hätte Interessenten noch nicht einmal in Rufweite des Golfplatzes vorgelassen. Vielmehr ließ er uns auf der Driving Range monatelang Bälle schlagen, seine korrigierenden Eingriffe beschränkte er auf ein abfälliges Grunzen. Denn mehr hatten wir ungelenken Bewegungslegastheniker ohnehin nicht verdient. 

Entfuhr doch einmal ein „Yeah, like that. Repeat!“ seiner von Whiskey und Zigaretten aufgerauten Kehle, kam dies einem Segensspruch gleich. Bereitwillig öffneten wir dem Meister unsere Herzen und unsere Portemonnaies, damit er für uns eines fernen Tages vielleicht das Tor zur großen, weiten Golfwelt aufstieß.  

Denn Handicap 36 galt es damals noch nach­zuweisen, bevor man die Möchtegern-Golfer auf die verdienten Mitglieder losgelassen hat. Und wenn am Ende von 100 potenziellen Neugolfern, die gerne bereit gewesen wären, fünfstellige Beträge für Clubaufnahmegebühr und Jahres­beiträge zu bezahlen, 99 Schwächlinge an den 36 Handicap-Kammern unseres Golf-Shaolin scheiterten, so durfte der EINE umso stolzer auf seine Leistung sein. 

Natürlich wurde dieser Fuchs in seinem ersten Clubjahr von den Altvorderen ausgiebig auf Herz und Nieren geprüft. Man muss so ein Früchtchen schließlich erst einmal kennenlernen, bevor man es sich ins Haus einlädt. Aus diesem Grund wurde das Frischfleisch erst einmal kollektiv ignoriert. Man grüßte nicht zurück, mied Augenkontakt und ging jeder verfrühten Vermengung aus dem Weg. So begriff der Milchbart, dass so ein nagelneuer Mitgliedsausweis nicht automatisch bedeutete, dass man sich schon auf Augenhöhe mit den Brahmanen des Clubs bewegen durfte. 

Ertrug der Frischling diese Behandlung klaglos, musste er sich noch auf dem Platz beweisen. Unangekündigt erwarteten drei gestrenge Richter den Bewerber am ersten Abschlag, um die Initiationsprüfung zu vollziehen. Nur wer sich als regelfest und sicher im Umgang mit der Etikette bewies, aber vor allem voller unterwürfiger Demut in Gegenwart der achtungsgebietenden Herren auftrat, durfte auf Aufnahme in unsere Golfgemeinde hoffen. Das waren noch herrliche Zeiten! Und Weibsvolk wurde natürlich überhaupt nicht geduldet. 

Vor Jahrzehnten, als in so manchem Golfclub wirklich derartige Verhältnisse vorherrschten, hätte man eine Herabsetzung der Einstiegshürde ganz sicher mit dem Untergang des Abendlandes gleichgesetzt. Heute buhlen die Golfanlagen um potenzielle Kunden und haben begriffen, dass hohe Aufnahmegebühren und langwierige Platzreife-Kurse dafür sorgen, dass viele Interessenten dem Golfsport den Rücken zukehren, bevor sie die Chance erhielten, sich in das Spiel zu verlieben.  

Nicht wenige Golfanlagen leiden massiv unter Nachwuchsmangel und kämpfen um ihre Existenz. Wenn sich also einer der sogenannten Alteingesessenen mal wieder über einen frischgebackenen Fünf-Tage-Platzreifekurs-Absolventen ärgert, der putzig vor sich hin hackend das Spiel verzögert, könnte man während der Wartezeit einfach mal darüber nachdenken, wer die Zukunft des Golfclubs finanziert. Schon wird man anstatt loszuschimpfen mit einem milden Lächeln im Gesicht weiterspielen. 


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