05.07.2021 | 12:25

Trainingsplan beim Golf: Jonas Kölbing

Golftimer
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Trainingsplan beim Golf – Tour-Spieler Jonas Kölbing berichtet über seinen Arbeits-Alltag auf dem Golfplatz, der bis zu sechs Stunden in Anspruch nimmt.


Jonas Kölbing ist seit 2015 Playing Pro und hat es als Amateur auf ein Handicap von +4,1 gebracht. Seine größten Erfolge bisher: die Karte für die Challenge Tour, geschaffte Cuts bei der BMW International Open sowie der Porsche European Open. Zudem der Titel bei der Deutschen Meisterschaft der Professionals 2015.

In seinem Buch Mein Golf – Wie ich lerne, den Affen zu lieben geht es darum, was gute Spieler machen müssen, um höchstes Niveau zu erreichen.

Im folgenden Auszug berichtet der Tour-Pro über seinen Trainingsplan beim Golf, der am Tag bis zu sechs Stunden in Anspruch nimmt. Dabei geht es um gute Voraussetzungen, festgelegte Abläufe und definierte Schwerpunkte.

Trainingsplan beim Golf: Jonas Kölbings Arbeitstag

Ich halte es für sehr wichtig, dass ich ähnlich gut vorbereitet auf mein tägliches Training bin wie etwa auf einen Turniertag. Ich gehe deshalb sehr methodisch ans Werk. Nach dem Aufwachen beginne ich mit gezielten Atemübungen, einer 15-minütigen Meditation – beides mit dem Ziel, den Tagesablauf konkret vor Augen zu bekommen. Ein erster Schritt, optimale Voraussetzungen für ein erfolgreiches Training zu schaffen.

Tour-Pro und Buch-Autor: Jonas Kölbing
Tour-Pro und Buch-Autor: Jonas Kölbing

Bestimmte Yoga-Übungen haben sich dabei als durchaus hilfreich erwiesen. Die anschließende Augengymnastik dient dazu, mein Sichtfeld zu optimieren, was gesteigerte Aufmerksamkeit nach sich zieht und etwa dem Lesen von Breaks zugutekommt.

Eine weitere Aktivität innerhalb solch neuroathletischer Übungen richtet sich auf meine Gelenke. Ich sehe darin das so wichtige Ölen einer Maschine, die kurze Zeit später auf Hochtouren laufen muss. Wie man das zuwegebringt und mit welchen Übungen, da hat wohl jeder ganz spezielle Vorstellungen.

Kein irritierendes Gefühl „Hunger“

An Ratgebern jedenfalls sollte es nicht fehlen. Ich selbst habe mich eine Zeit lang sehr um meine Fußmuskulatur gekümmert. Mir war lange Zeit nicht bewusst, wie wichtig sie innerhalb einer Golfbewegung ist. Soweit ein Ausschnitt zum so wichtigen Kapitel ‚Warm up‘.

Was ich beim Frühstück zu mir nehme, darüber gebe ich keine Empfehlung, weil die Diskussion unter Kollegen gezeigt hat, dass es hierbei recht individuell zugeht und praktisch jeder auf sein eigenes Vorgehen schwört.

So viel sei aber gesagt, dass der Körper innerhalb der nächsten Stunden allerhand durchzustehen hat, und das irritierende Gefühl ‚Hunger‘ sollte in dieser Zeit nicht störend wirken.

Aber einig sind wir uns alle, was den Flüssigkeitshaushalt anlangt. Ihm gilt besondere Aufmerksamkeit. Besser zu viel als zu wenig – klingt ungewöhnlich, ist aber Devise schon in den Morgenstunden, um den Pegel im optimalen Bereich zu halten.

Ich trinke Wasser und versetze es mit Hydrations-Tabletten. Den gesamten Tag über achte ich gewissenhaft darauf, dass ich immer ausreichend Flüssigkeit zu mir nehme. Die geschilderten Vorbereitungen zu Hause nehmen in etwa 1,5 Stunden in Anspruch. Die nächsten 4,5 bis 5 Stunden verbringe ich dann auf der Anlage. So um die 6 Stunden bin ich also mit dem Routineprogramm befasst.

Trainingsplan Golf: Was und jeweils wie lang – Putten

Auf der Anlage folge ich immer meinem festgelegten Trainingsmuster. Und das beginnt mit dem Putten – genauer mit der sog. Handtuchübung.

Dabei wird ein Golfhandtuch direkt hinter dem Loch ausgebreitet, und die Putts, die ich aus fünf unterschiedlichen Entfernungen schlage (3 – 15 m) müssen fallen oder auf dem Handtuch enden, ansonsten geht es vor vorne los. Distanzkontrolle ist angesagt.

Der Trainingstag geht los mit Putts unter Druck

Anschließend kommt es zum Putten unter Druck. Das ist die vielbeschworene Übung, bei der ich nacheinander aus 1,5 m, 2 m und 2,5 m einlochen muss. Und wenn das einmal nicht gelingt, geht die Serie von vorne los. Je mehr Serien ich mir auferlege, desto teuflischer können Fehlputts werden.

Mit beiden Übungen versuche ich innerhalb einer Stunde fertig zu werden. Wenn es allerdings zu unbefriedigenden Ergebnissen kommt, was immer mal wieder der Fall ist, schließe ich ein spezielles Technik-Training an (Spiegel, Schnur, Gate).

Chippen, Bunker, Pitchen

Mein Chip-Programm beginnt mit der Empfehlung von Marcel (Haremza, Kölbings Freund, Coach und Berater) mich an den gelochten Chip zu gewöhnen. Ich chippe von gleicher Stelle aus, bis ich 5 mal eingelocht habe. Anschließend arbeite ich an jenen Schlägen, die in letzter Zeit nicht gut waren oder wo mir meine Ausführung nicht gefallen hat.

Ziel: Flagenstock treffen
Ziel: Flagenstock treffen

Im Bunker dann arbeite ich einer Empfehlung von Phil Mickelson folgend im Bereich so um die 10 m. Und zwar so lange, bis ich einen Ball gelocht habe. Beim Pitchen beschränke ich mich auf Distanzen von 40 – 60m. Ich höre auf, wenn ich einen Ball gelocht oder zumindest den Flaggenstock getroffen habe. Die Erfahrung zeigt, dass ich mit den drei Disziplinen in etwa 1,5 Stunden zu Rande komme.

Weitere 1,5, Stunden widme ich mich dem langen Spiel, wobei der Beginn mit voller Konzentration meinen Wedges (48, 52, 56, 60) gilt. Auf jeweils zwei von ihnen während eines Trainings richtet sich dann mein Augenmerk, wobei ich dem Uhr-Prinzip folge (9 Uhr, 10, 11 und voll). 60 – 70 Schläge mache ich da während dieser Einheit.

Beispiel:

  • Mein 56er mit der 9 Uhr-Stellung geht 65 m.
  • Mein 52er mit der 10 Uhr-Stellung 104 m.

Beides sind – fast möchte ich sagen – typische Distanzen während des Spiels, so dass ich gut daran tue, hier ganz gewissenhaft vorzugehen.

Golf Trainingsplan: Langes Spiel

Anschließend kommen kurze, mittlere und lange Eisen zum Einsatz mit Schwerpunkt auf Länge und Shape. Wenn mir dabei etwas nicht gefällt oder sich als nicht gut erweist, wird nach einer Fehleranalyse technisch nachjustiert. Dann folgt ein Tee Box-Training (aufgeteete Bälle) mit dem Eisen 2, Holz 3 und dem Driver. Auch hier drehe ich gezielt an bestimmten Stellschrauben, wenn ich etwas auszusetzen habe. Immer habe ich bei all diesen Schlägen nicht außer acht zu lassen, was Peter (Wolfenstetter, Trainer, d. Red.) mir rät, oder was er mir als länger andauerndes Programm mit auf den Weg gibt.

Mit seinem untrüglichen Blick selbst für kleinste Schwächen in der Golfbewegung, muss ich da immer ganz schön nacharbeiten. Auch spielt der unbestechliche Trackman (> Kap. 18) während dieser Session eine wichtige Rolle. Ich verhehle nicht, dass mich zudem die Ideen von Mark Broadie (> Kap. 20) z.B. über die Länge von Abschlägen sehr fasziniert haben. Wenn ich auch das hinter mir habe, sollte man meinen, das Nötige sei getan. Dem ist aber beileibe nicht so!

Zu guter Letzt

Ich verlasse die Anlage nie, ohne mich nicht noch einmal mit meiner Druckputt-Übung (s.o.) zu beschäftigen. Nicht etwa, um den Trainingstag sozusagen abzurunden, sondern weil Peter und Marcel es ausdrücklich so wollen. Nicht zu Unrecht, wie ich mittlerweile eingesehen habe. Denn jetzt verspüre ich in mir genau jenen starken Druck, der einer entscheidenden Spielsituation durchaus ähnlich ist. Der Druck wird deshalb so groß, weil ich endlich zum Ende kommen, Feierabend machen will, um in mein Alltagsleben zurückzukehren. Das geht aber erst dann, wenn alles ‚gelocht‘ ist, was auf dem Programm steht. Überstunden, die übrigens nicht selten anfallen, tun da besonders weh. Ich neige zu der Ansicht, dass gerade diese letzte Aktivität zum besten zählt, was ich meiner Golfpsyche antun kann.

Mein Trainingstag umfasst 6 – 7 Stunden und mehr sollten es auch nicht werden. Ich achte sehr darauf, dass sich nicht mein gesamtes Leben um den kleinen Ball dreht. Ein bis zweimal die Woche spiele ich Tennis, ergehe mich in unterschiedlichen ‚workouts‘ und habe bei aller Beschäftigung immer im Auge, eine hohe Motivation zu behalten und körperlich zu spüren, dass die Batterien gut geladen sind.

Trainingsplan beim Golf: Und Spielen?

Ich habe einen speziellen Trainingstag auf dem Übungsgelände beschrieben. Sie werden sich vielleicht fragen, wo da das Spielen bleibt und ob dieses nicht auch gezielt trainiert werden muss. Und ob! Natürlich gibt es auch Tage, wo beides kombiniert wird.

Ich unterbreche dann mein festgelegtes Programm und spiele 9 Löcher, meist wenn mir die mentale Puste auszugehen droht bei all den Routineabläufen, oder wenn sich unerwartet ein attraktiver Spielpartner einstellt. Es gibt natürlich auch Tage, an denen ich nur spiele. Aber auch dabei nach vorher festgelegter Aufgabenstellung. So verlangt mein Trainer von mir, von vorne zu beginnen, wenn ich ein Loch nicht Par spiele. Daran übrigens bin ich schon mehrmals gescheitert.

Versuche dich im Vorfeld in deine Lieblingsstimmung zu bringen. Für mich war das immer zwingende Voraussetzung, um optimal zu trainieren und wichtig: achte auf die Zeit. Meine Erfahrung sagt mir, dass wenn ich 3 Stunden für das Training angesetzt habe, muss ich tatsächlich 3:45 Stunden dafür ansetzen. Warum? Es kommen Dinge hinzu, wie kurzer Plausch mit Kollegen, Umbau der Stationen und anderes mehr.

Einstieg und Ausstieg immer gleich

Finde einen Einstieg in das Training, der immer gleich ist. Suche dir eine Übung unter Druck, mit der du den Tag beginnst und beendest. Bei mir ist das der „Handtuch Drill“ und ich höre mit der „10 unter Par“ Puttübung auf.

Ich habe beste Erfahrung mit bestimmten Szenarien. Ein Beispiel ist meine Wedge-Session. Wenn ich zum Beispiel einen Wedge auf 84 m exakt schlagen kann, dann bedeutet das für mich, dass ich einen Anker habe. Was ist sofern vorteilhaft ist, als ich 95 m mit ein bisschen mehr und 75 m mit ein bisschen weniger Aufwand schlagen muss. Das ist eine ungemein hilfreiche Erfahrung.

In Trainingsrunden sind gerade diese Szenarien auf ihre Wirksamkeit zu überprüfen. Ich brauche nicht weiter zu erwähnen, was das für ein Selbstvertrauen erzeugt, wenn Training derart erfolgreich war.

Mein Golf - wie ich lerne, den Affen zu lieben - von Jonas und Alexander Kölbing
Mein Golf – wie ich lerne, den Affen zu lieben – von Jonas und Alexander Kölbing

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