22.10.2021 | 10:52

Mein Plan für die Golfrunde

Thomas Fischbacher
Thomas Fischbacher

Der Plan für die Golfrunde – Tour-Spieler Jonas Kölbing berichtet über seinen Plan für die Runde und welche Punkte für ihn in der Vorbereitung entscheidend sind. 


Jonas Kölbing ist seit 2015 Playing Pro und hat es als Amateur auf ein Handicap von +4,1 gebracht. Seine größten Erfolge bisher: die Karte für die Challenge Tour und geschaffte Cuts bei der BMW International Open sowie der Porsche European Open. Zudem errang er den Titel bei der Deutschen Meisterschaft der Professionals 2015.

In seinem Buch Mein Golf – Wie ich lerne, den Affen zu lieben geht es darum, was gute Spieler machen müssen, um höchstes Niveau zu erreichen.

Im folgenden Auszug berichtet der Tour-Pro über sein Programm gegen Emotionen, die Gedanken während der Runde und erklärt den Vorteil, ein Drehbuch zu haben.

Vom Start an unterlegen

Gehe ich mit einem schlechten Gefühl an den 1. Abschlag, und gegen dieses kann man sich gelegentlich einfach nicht erfolgreich wehren, fühlst du dich vom Start weg anderen unterlegen. Hast Angst, falsche Entscheidungen zu treffen und bist eigentlich auf Misserfolg programmiert. Da wird einem zum wiederholten Male klar, wie gerade Golf geeignet ist, Selbstvertrauen zu zerstören.

Ich bin leider nicht so getaktet wie Ben Hogan, der von sich sagte: „Ich nahm weder die Galerie noch meine Mitspieler wahr. Ich konnte mich abschotten gegenüber allem außer meinem eigenen Spiel.“ Soweit bin ich natürlich noch lange nicht und werde es wahrscheinlich auch nie sein, aber ich habe zumindest einen Plan, wie ich vor Turnierbeginn mein Selbstwertgefühl stärke, wie ich meine inneren Kritiker aus dem Kopf bekomme. Vor allem wie ich im Hier und Jetzt bleibe.

Ich will unter allen Umständen weg von den gefährlichen Emotionen, die so viel Kraft kosten, wenn ich mich mit ihnen ‚rumschlagen muss, und die nur dazu da sind, mich vom Wesentlichen abzulenken. Man denkt jetzt vielleicht an den strategischen Rundenplan, für den Jack Nicklaus immer eine Lanze brach. Er legte vorher genau fest, wie er die einzelnen Löcher spielen wollte und wich von diesem Plan, was vorrangig die Schlägerwahl betraf, unter keinen Umständen ab. Viele seiner Turniererfolge begründete er mit dieser vorher genau ausgetüftelten Strategie. Für ihn sicherlich gut, für mich keine ausreichende Unterstützung.

Jonas Kölbing: Der Plan für die Golfrunde

Mein Plan vor Rundenbeginn sieht anders aus. Alle gedankliche Aktivität ist darauf ausgerichtet, mich im Hier und Jetzt zu halten. Völliges Abschotten im Hinblick auf das, was vor mir liegt. Kein Gedanke an Spiel und ‚Score‘. Konzentration dagegen auf folgende Überlegung:

  1. wer will ich heute sein?
  2. wie will ich auf andere wirken?
  3. was will ich, dass jetzt gleich passiert?
  4. was kann ich beeinflussen und was steht nicht in meiner Macht?

Ein Fragenkomplex, dessen Beantwortung viel Zeit in Anspruch nimmt. Während ich mich mit den Antworten beschäftige, werden dabei auch längere Wartezeiten vor dem 1. Abschlag und die damit verbundene Nervosität überbrückt. Vorteil: ich werde dabei immer in der Gegenwart gehalten.

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Den Schalter umlegen

Antworten zu 1 und 2 finden sich im Kap. 8. Was 3 und 4 anlangt muss ich mich immer wieder mit der Tatsache auseinandersetzen, was ich denn überhaupt beeinflussen kann. Was ich in der Hand habe, um wenigstens günstige Rahmenbedingungen für das Geschehen auf dem Platz zu schaffen. Eindeutig nicht beeinflussen kann ich den ‚Score‘, dazu ist Golf ein Spiel mit zu vielen Unwägbarkeiten. In meiner Verantwortung indes liegt folgendes:

  • wie ich auf andere wirke
  • bin ich mutig genug
  • bestmögliche Vorbereitung (Training, Fitness, Planung, Gedankenkontrolle, Equipment)

Durch die Beschäftigung mit diesen Themen entwickle ich eine Art Drehbuch für den Beginn und das weitere Geschehen auf der Runde. Ich schaffe ein Gedankengerüst, das mich weitgehend vor äußeren Einflüssen schützt. Richte ich mich nicht nach diesem Plan, gebe ich Geist und Körper nicht zu 100 Prozent vor, was die aktuelle Aufgabe ist, komme ich mir vor wie ein Blatt im Wind, bin dann Emotionen ausgeliefert, die – und das ist das letzte, was ich will – mit Beginn des Spielgeschehens die Kontrolle übernehmen. Da ist es dann aus, ein Brooks Koepka sein zu wollen.

Tour-Pro und Buch-Autor: Jonas Kölbing
Tour-Pro und Buch-Autor: Jonas Kölbing

Eindeutiger Vorteil des Plans ist, dass man auf Grund geringerer Nervosität deutlich besser in die Runde reinkommt. Man muss nicht geraume Zeit warten, bis man zu seinem Spiel gefunden hat. Ich kann auch den Schalter leichter umlegen, wenn es nicht wie gewünscht läuft. Es gelingen passable Runden, auch wenn eine Reihe schlechter Schläge dabei ist. Weil ich durch Emotionen nicht abgelenkt werde, kann ich mich auf aktuell Wichtiges konzentrieren.

Also etwa, wie ich mit einer bestimmten Puttlänge umgehe, wie ich Geschwindigkeit und ‚Breaks‘ behandeln muss. Man könnte von einer Art Fokusverschiebung sprechen: vorher standen immer Schlag und Ergebnis im Vordergrund. Jetzt hilft mir der Plan, günstige Voraussetzungen für beides zu schaffen. Erfolge stellen sich nicht von Heut auf Morgen ein. Aber ein Ziel vor Augen und Fleiß sind gute Motivationsgeber, um schrittweise voranzukommen.

Droht die Decke über mir einzustürzen, warum auch immer, ist mein Notanker immer Folgender: Ich mache mir bewusst, wie dankbar ich sein muss und wie privilegiert ich bin, jetzt Golf spielen zu dürfen. Ich muss niemandem sagen, wie lächerlich die inneren Dämonen werden, wenn man an alternative Szenarien denkt, an Menschen, die für eine Runde Golf alles geben würden.

 

Mein Golf - wie ich lerne, den Affen zu lieben - von Jonas und Alexander Kölbing
Mein Golf – wie ich lerne, den Affen zu lieben – von Jonas und Alexander Kölbing

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