30.06.2021 | 12:53

Harry Vardon – der Gentleman

Frederike Reichert
Frederike Reichert

Harry Vardon – Der Gentleman: Keiner spielte Golf eleganter als er. Und keiner gewann das prestigeträchtigste Turnier der Welt öfter als der smarte Engländer in seinen Knickerbockers. Eine Hommage.


Er hat die British Open öfter gewonnen als jeder andere vor und nach ihm, kann 62 Siege als Professional für sich verbuchen und ist in der Hall of Fame. Trotzdem gehört Harry Vardon zu den heute unbekannteren Golflegenden.
Dabei ist Harald Vardon, geboren 1870 in Grouville auf der Kanalinsel Jersey, einer der Ersten, die die Bezeichnung „Celebrity“ überhaupt verdienen. Eingefleischten Golfern ist Vardon allerdings als ein Drittel des „Großen Triumvirats“ bekannt. Dem gehörten außer ihm noch James Braid und John Henry Taylor an.

Die drei Engländer dominierten das europäische Golf zwei Jahrzehnte lang. So ist Vardon der einzige Golfer, der die British Open sechsmal gewonnen hat, Braid und Taylor kamen auf je fünf Titel. Oft lagen die drei auf den ersten drei Plätzen – in unterschiedlicher Reihenfolge.
In 20 Jahren standen überhaupt nur fünf andere Namen auf dem „Claret Jug“, der berühmten Siegerkanne der British Open. Die Golfgeschichte kennt kein anderes Major, das jemals so von nur drei Spielern dominiert wurde.

Celebrities

Das machte nicht nur die drei berühmt, sondern auch das professionelle Golfspiel gesellschaftsfähig. Bislang waren Berufsgolfer nicht sonderlich hoch angesehen in den Clubhäusern der oberen Zehntausend. Nun begann das Trio Vardon-Taylor-Braid eine regelrechte Tour d’Honeur durch die britischen Golfclubs.

TRIO KOLOSSAL John Henry Taylor, James Braid und Harry Vardon mit Fred Herd, dem Gewinner der U.S. Open 1898 (v. l.)
TRIO KOLOSSAL John Henry Taylor, James Braid und Harry Vardon mit Fred Herd, dem Gewinner der U.S. Open 1898 (v. l.)

In der Folge begannen sich die Golf Professionals besser zu organisieren. John Taylor war es schließlich, der die Initialzündung für die Gründung der Professional Golfers Association gab, die PGA, wie sie heute noch existiert. Doch zurück zu Harry Vardon. Sein Bruder Tom, selbst ein ausgezeichneter Berufsspieler und Pro im altehrwürdigen St. Anne’s Club, erweckt schon im Teenageralter seine Liebe zum Golfsport.

Aber erst mit 20 beschließt Harry, damit seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Auslöser war ein Preisgeld von zwölf Pfund, damals eine beträchtliche Summe, die der Bruder durch einen zweiten Platz mit nach Hause brachte.

Schon ein paar Jahre später gewinnt Harry zum ersten Mal die British Open. Sein Auftritt beim prestigeträchtigsten Turnier der Welt wird bald zum Markenzeichen: Vardon ist der erste Golfer überhaupt, der Knickerbocker auf dem Golfplatz trägt, dazu elegantes Hemd, Krawatte und stets formell geknöpftes Jackett.

Bald schon hat er seinen Spitznamen weg: der Gentleman. Trotz seines unbequemen Outfits charakterisiert die Hall of Fame, in die er 1974 aufgenommen wurde, später seinen Schwung als „smart und fließend“.

EIN FRÜHER WOODS Harry Vardon war berühmt für seinen eleganten, flüssigen Schwung – „smart und fließend“ (Hall of Fame)
EIN FRÜHER WOODS Harry Vardon war berühmt für seinen eleganten, flüssigen Schwung – „smart und fließend“ (Hall of Fame)

Vardon schwang aufrechter und sein Ball beschrieb eine höhere Flugbahn als die seiner Zeitgenossen. Dadurch flogen seine Annäherungsschläge weiter und landeten sanfter. Harry Vardon war bekannt dafür, dass er kaum Divots herausschlug. Schon bald wird der smarte Brite auf beiden Seiten des großen Teichs zur Berühmtheit.

Harry Vardon und die Siegesserie

Zwei Jahre nach seinem ersten Triumph, 1898, holt er sich den Titel des Open-Siegers zum zweiten Mal, im Jahr darauf ebenfalls. Es folgen British-Open-Siege 1903, 1911 und 1914, immerhin 18 Jahre nach seinem ersten Triumph. 1900 nimmt Vardon zusammen mit John Taylor die beschwerliche Schiffsreise in die USA in Kauf, um dort eine Reihe von Turnieren zu spielen.

Von 80 Schaukämpfen gewinnt Vardon 70. Absoluter Höhepunkt der Amerika-Tour aber ist der Sieg bei den U.S. Open, Taylor wird Zweiter – eine Blamage für die Lokalmatadore. Nun ist der elegante Vardon, der selbst beim Schlag selten seine Pfeife aus dem Mund nahm, auch jenseits des großen Teichs eine Berühmtheit.

Jeder versucht seinen eleganten Stil nachzuahmen. Vor allem sein „überlappender Griff“, bei dem er den kleinen Finger der rechten Hand über den Zeigefinger der linken legt, wird seitdem als „Vardon Griff“ von fast allen Spielern auf der Welt nachgeahmt.

Letzter Auftritt

Kurz darauf erkrankt er an Tuberkulose und muss längere Zeit in einem Sanatorium verbringen. Noch einmal allerdings tritt er 1913 bei den U.S. Open an, liegt nach vier Runden schlaggleich mit dem Amerikaner Francis Ouimet auf Rang eins und muss sich erst im Stechen – dem ersten in der Golfgeschichte – geschlagen geben. Doch die Krankheit hat ihn gezeichnet. So gibt er nach seinem letzten British Open-Sieg 1914 das Profi-Golf endgültig auf.

EHRUNG Die „Harry Vardon Trophy“
EHRUNG Die „Harry Vardon Trophy“

Fortan widmet er sich dem Golfplatzbau und schreibt viel beachtete Lehrbücher. „The Gist of Golf“ (Das Wesen des Golfsports) gilt heute als Klassiker. 1937 stirbt Harry Vardon im Alter von 67 Jahren. Seine beiden Golf-Freunde Braid und Taylor überleben ihn um 13 beziehungsweise 26 Jahre, aber das berühmte Trio ist Geschichte.

Doch sein Name bleibt bis heute fortbestehen: Die Führenden der European Tour, später auch der US-Tour, werden seitdem mit der „Harry Vardon Trophy“ ausgezeichnet.

+++Passend zum Thema: Bobby Jones – The Master of Grand Slam+++

Harry Vardon

  • geb. 1870 in Grouville auf der Kanalinsel Jersey

  • gest. 1936 in London

  • Siege: British Open Championship 1896, 1898, 1899, 1903, 1911, 1914; U.S. Open 1900

  • Turniersiege insgesamt: 62; Erfinder des „Vardon-Griffs“, Namensgeber für die „Harry Vardon Trophy“.

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