30.09.2021 | 09:40

“Irgendwann konnte ich nicht mehr”

Thomas Fischbacher
Thomas Fischbacher

Sandra Gal hat ihr Comeback auf der LPGA Tour gegeben. Die deutsche Solheim-Cup-Spielerin über eine schwierige Zeit davor und ihren neuen Bezug zum Golfsport.


Sandra Gal hat sich in den vergangenen beiden Jahren eine Auszeit vom Profi-Golf genommen. Die Deutsche fühlte sich körperlich und mental nicht mehr in der Lage, als Tour-Spielerin unterwegs zu sein. Nun freut sich die deutsche Solheim-Cup-Spielerin aber wieder darauf, die Profi-Karriere fortzusetzen. Ein Gespräch über schwierige Phasen, ein neues Setup und den Weg zurück auf die LPGA Tour. 

Frau Gal, Rory McIlroy hat gesagt, es gäbe als Profi oder Proette nichts besseres als bei einem Solheim und Ryder Cup dabei zu sein. Sie waren zwei Mal dabei, haben 2015 den Wettbewerb von St. Leon-Rot sogar im Heimatland erlebt. Wie haben Sie diese Woche damals in Erinnerung behalten?
Es ist schon interessant, weil es zuletzt im Spitzensport ja auch immer wieder die mentale Gesundheit geht. Diesbezüglich war diese Woche für mich eine besondere Herausforderung. Ich war nervös wie noch nie, habe kaum geschlafen, konnte aber gleichzeitig meine beste Leistung abrufen. Es war eine sensationelle Erfahrung, die mental aber ganz schön Kraft gekostet hat.

Was macht die Team-Wettbewerbe im Golf so besonders?
Die Woche ist anstrengend und anders als die vielen anderen Turnier-Wochen. Autogramme, Foto-Termine, Meetings, Proberunden, Physio – es ist von Montag bis Sonntag durchgehend Betrieb. Ich stand natürlich im Heimatland auch besonders im Fokus. Danach war ich fix und fertig. Trotzdem ist es eine Riesenehre, dabei zu sein und man ist unglaublich motiviert, weil man für das ganze Team leisten möchte.

„Habe in meinem Leben einige Dinge vereinfacht“

Wie kann man so einen Härtetest durchstehen?
Ich weiß noch, wie ich oft morgens wach lag und mir gesagt habe ‘Egal, was passiert, ich will in jeder Situation den für mich bestmöglichen Schlag machen’. Ich habe in mich reingehämmert, mich ausschließlich auf mich selbst zu fokussieren, mich nicht ablenken zu lassen. Die Zuschauer können einen pushen, auf der anderen Seite muss man bei sich bleiben.

Erstaunlich ist, dass es manche Spieler schaffen, in solchen Situationen richtig aufzublühen… 
Ich glaube, man kann diese extreme Situation nutzen, um richtig in einen Flow einzutauchen. Gleichzeitig besteht die Gefahr, sich ablenken zu lassen und am Ende gar nicht mehr zu wissen, was eigentlich passiert.

Sandra Gal bei der MercedesTrophy am Öschberghof
Sandra Gal bei der MercedesTrophy am Öschberghof

Nach zwei Auszeiten geht es für Sie nun wieder zurück auf die Tour. Wie geht es Ihnen bei Ihrem Comeback?
Ich habe rundum in meinem Leben einige Dinge vereinfacht. Ich habe viel für meine Gesundheit getan, ein großes Blutbild gemacht, Experten zu Rate gezogen, das hat mir sehr geholfen. Auch mental geht es mir wesentlich besser. Die Pause hat mir gut getan. Ich habe einen anderen Bezug zum Spiel und freue mich jetzt darauf, wieder richtig loszulegen.

Was genau war der Grund für die Auszeit? 
Beim Golf spielen viele Faktoren eine Rolle. Die erste Phase meiner Karriere war sehr intensiv. Die ganzen Jahre durchgehend auf dem Gaspedal. Viel Stress, Reisen und wenig Zeit, um runterzukommen. Die Regeneration hat gelitten. Ich hatte zu wenig Wissen, was man gegen den Stress tun kann. Irgendwann konnte ich nicht mehr. Ich wusste, so kann es nicht weitergehen.

„Musste analysieren, wo ich die Balance in meinem Leben verloren habe…“

Wie haben Sie es geschafft, sich wieder neu aufzustellen?
Es gibt keine Handlungsempfehlung. Keine Vorschrift, die sagt ‘Jetzt machst Du A,B und C und dann geht es dir besser’. Durch diesen Prozess muss man sich durchschlängeln. Ich musste analysieren, wo ich die Balance in meinem Leben verloren habe. Es hat etwas gedauert, bis ich für mich rausgefunden habe, was ich tun muss, damit es mir persönlich und auf dem Golfplatz gut geht. Das ist eine Kombination aus physischen, mentalen, emotionalen und auch spirituellen Faktoren. Ich habe Jahre lang so viel wie möglich gespielt und ignoriert, wenn mein Körper mir signalisiert hat, dass er eine Pause braucht. Es steht ja immer etwas an, die Qualifikation für den Solheim Cup, die Olympischen Spiele oder die Turniere in Asien am Saisonende.

Was haben Sie aus dieser Zeit gelernt?
Man spielt, spielt und spielt und die eigenen Bedürfnisse rücken in den Hintergrund. Dieser Fehler passiert mir hoffentlich in Zukunft nicht mehr. Ich habe gelernt, dass man sein eigenes Wohlbefinden priorisieren und für sich selbst die Ziele setzen muss. Wenn man sich über Ergebnisse definiert, kann man schnell in die falsche Richtung abbiegen. Denn so viele gewinnen ja nicht regelmäßig auf der Tour. Ich glaube, man muss Werte für sich selbst finden, die nicht nur auf dem Golfplatz gelten. Und eine gesunde Balance zwischen Golf und dem privaten Bereich finden.

Wie ist die Situation mit der Karte für die LPGA Tour? Sie spielen ja aktuell mit einer Medical Extension…
Das ist etwas kompliziert. Ich bekomme dieses Jahr zwei Turniere und nächste Saison nochmal acht. In dieser Zeit muss ich das Preisgeld einspielen, was in der Saison 2019 nötig gewesen wäre, um die Tour-Karte zu halten.

„Mehr Zeit im Durchschwung…“

Wie fühlt sich der Schwung aktuell an?
Die letzten paar Wochen haben mir gutgetan. Seit Mai arbeite ich mit David Whelan zusammen. Er hat unter anderem Nelly Korda und Paula Creamer betreut. Das passt super, er wohnt in Florida gleich um die Ecke. Wir haben im Schwung einiges vereinfacht.

Was genau?
Wir haben viel am Setup und am Wegnehmen gearbeitet. Meine Schulterdrehung war relativ flach, dadurch bin ich oft von innen gekommen. Jetzt stehe ich mehr über dem Ball und versuche, die rechte Hüfte zu fixieren und das Wegnehmen mehr über die Arme einzuleiten. Die Folge ist, dass ich ruhiger schwingen kann und mehr Zeit im Durchschwung habe.

Ist Ihnen diese Umstellung schwer gefallen?
Eigentlich war es recht simpel. Es hat schon ein bis zwei Wochen gedauert, bis man die Veränderungen sieht, aber dann hat es gut funktioniert.

Was hat sich durch den neuen Trainer sonst noch verändert?
Das Training ist sehr wettkampforientiert. Ich war viel öfter auf dem Platz als auf der Range. Dort habe ich dann Drills in die Runde eingebaut, zum Beispiel sechs Up-And-Downs in Folge schaffen oder drei Bälle aus 100 Yards schlagen und den Score notieren.

Haben Sie einen konkreten Handlungsplan, wenn Sie Zuge der Umstellung auf dem Platz Probleme bekommen?
Ich kenne meine Tendenzen und habe einen kleinen Bausatz, den ich mir mit meinem Trainer erarbeitet habe. Ich kann bei bestimmten Problem-Mustern kleine Dinge anpassen: Zum Beispiel den Griffdruck verändern, das Setup leicht anpassen.

„Habe mir abgewöhnt, an meinem Schwung zu tüfteln…“

Beim Golf es viel darum, Dinge zu kontrollieren, aber auch akzeptieren zu können, dass man vieles eben nicht kontrollieren kann. Wie schwer kann das fallen?
Wichtig ist es, vor der Runde einen Plan zu haben. Der kann so aussehen, dass man sich kurz vor dem Schlag nur noch auf die Fahne konzentriert und dann loslässt. Oder ein einfacher Schwunggedanke beim Wegnehmen und die Startrichtung beim Putten. Dann weiß ich, ich habe alles getan, was ich mir vorgenommen habe. Das ist dann der Plan. Und sollten andere Gedanken auftauchen, kann man kurz Hallo sagen, sie weiterschicken und sagen ‘Sorry aber jetzt bin ich gerade hier und ziehe meinen Plan durch’.

Was passiert bei Ihnen eigentlich, wenn Schwungprobleme beim Aufwärmen vor der Runde auftauchen?
Was das Einschlagen auf der Range betrifft, habe ich mir abgewöhnt, an meinem Schwung zu tüfteln. Ich habe gelernt, dass sich viele Probleme auf dem Platz ganz von alleine wieder auflösen. Einfach, weil man viel mehr auf die Fahne oder das Ziel fokussiert ist. Es gehört aber auch Disziplin dazu.

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