27.08.2022 | 10:58

Bernhard Langer – altersloser Lebenskünstler

Oskar Brunnthaler
Oskar Brunnthaler

Bernhard Langer feiert am 27. August seinen 65. Geburtstag – happy Birthday. Ein Jubiläum, an dem es lohnt, auf seine große Karriere zurückzublicken. Und eines, an dem deutlich wird, dass er in Deutschland nicht die längst verdiente Anerkennung erhalten hat.


Als Bernhard Langer nach seinem zweiten Sieg beim Masters 1993 endlich alle Fragen der Journalisten im Pressezentrum von Augusta beantwortet hatte, kam es zu einer außergewöhnlichen Begegnung mit symbolhaftem Charakter:

Franz Beckenbauer ging auf Langer zu, und beide umarmten sich einige Momente lang innig. Langer und Beckenbauer, beide zählen zu Deutschlands bekanntesten und größten Sportlern aller Zeiten, aber dennoch ist ihre Akzeptanz, ihre Bedeutung und auch Anerkennung immer sehr unterschiedlich gewesen.

Der US-Masters-Sieg am Ostersonntag 1993 war für Langer der zweite Höhepunkt einer außergewöhnlichen Karriere.
Der US-Masters-Sieg am Ostersonntag 1993 war für Langer der zweite Höhepunkt einer außergewöhnlichen
Karriere.

Der Golfer und US-Masters-Sieger konnte dem Fußballer und Weltmeister (als Spieler und Trainer) in der Gunst des Publikums niemals nahekommen. Natürlich lag und liegt das zum großen Teil in der Bewertung beider Sportarten in den Augen der Öffentlichkeit.

Aber dass ein ehemaliger Weltranglistenerster (1986), ein zweimaliger Teamweltmeister (World Cup of Golf) und Träger des Grünen Jacketts und zehnmaliger Ryder-Cup-Spieler in Deutschland nicht einmal zum Sportler des Jahres gewählt wurde, ist sicher kein Makel des Golfers Langer, eher ein Fehler derjenigen, die für die Auszeichnung verantwortlich sind: deutsche Sportjournalisten.

Bernhard Langer – Die Rückschau

Sie haben ihn übersehen. Und mit ihnen ein großer Teil der Öffentlichkeit. Die Ignoranz professioneller Sportbeobachter fällt vor allem zu einer Zeit auf, in der der 65. Geburtstag Langers am 27. August dieses Jahres bevorsteht. Es ist ein Moment der Rückschau, des Innehaltens, in dem sehr schnell deutlich wird, was der gebürtige Anhausener während seiner anscheinend unendlich langen Karriere alles geleistet hat.

+++ Zum Thema: Mercedes-Benz würdigt Bernhard Langer +++

Und eben immer noch leistet. Denn Langer hört einfach nicht auf. Er hört auch nicht auf zu siegen, mag er auch unterdessen im Rentenalter angekommen sein. Leute wie ihn zählt man gemeinhin zu den „Best Agern“ oder einfach zur „Silver Generation“.

Langer setzte sie nahtlos auf der PGA Tour Champions in den USA fort.
Langer setzte sie nahtlos auf der PGA Tour Champions in den USA fort.

Seit rund 15 Jahren ist er unbestritten der beste Golfer über 50. Seiner Konstanz und Vielzahl von Siegen kann kein anderer Spieler standhalten.

Dabei tritt er seit seinem Wechsel auf die PGA Tour Champions in den USA gegen Spieler an, die bis dahin mitunter erheblich erfolgreichere Karrieren hinter sich gebracht haben.

Auf den Ergebnislisten stehen heute regelmäßig Namen hinter ihm wie Vijay Singh, Retief Goosen, Ernie Els, Phil Mickelson, Jim Furyk, Steve Stricker, John Daly und viele andere, die zum Teil zehn und mehr Jahre jünger sind als er. Langer ist ein Phänomen, das zu erklären nicht ganz einfach ist.

Rekorde sprengen

Er sprengt bekannte Regeln und stellt Rekorde auf, deren Aufzählung von Jahr zu Jahr immer länger wird. Anfang 2022, gleich zu Saisonbeginn, gewann er zum 43. Mal auf der Champions Tour. Angesichts nackter Zahlen deren Hintergrund zu erkennen, ist nicht immer leicht.

Bei Langer wird das Ausmaß dieser Ziffern deutlich, führt man sich vor Augen, dass es sich um den 43. Erfolg innerhalb von gerade einmal 15 Jahren handelt.

Golf ist nicht Tennis, auf grünem Rasen gewinnt in der Regel jede Woche ein anderer Spieler. So wie einst Pete Sampras, Ivan Lendl, Boris Becker, später Roger Federer, Rafael Nadal oder Novak Djokovic die Szene mit Seriensiegen beherrschten. So läuft es nun einmal nicht beim Golf.

Den Rekord der meisten Siege auf dieser Tour hat er sich dabei noch nicht geholt, einer der wenigen, der ihm noch fehlt. Hale Irwin aus den USA, unterdessen im Ruhestand, hat noch zwei Titel mehr holen können. Doch die Statistik lässt außer Acht, dass es zunehmend schwerer wird, auf der PGA Tour Champions zu gewinnen.

Harter Konkurrenzkampf

Vor etwa zwei Dekaden dachten die Spieler anders über die Turnierserie für über 50-Jährige. Sie galt als das wunderbare sanft verlaufende Ende der anstrengenden PGA Tour, sozusagen als das Wohlfühlprogramm zum Ausstieg aus der Karriere. Doch inzwischen verdienen Profis wie Langer mehr auf dieser Tour als zu ihren besten Zeiten auf der PGA Tour.

Und mit den gestiegenen Preisgeldern hat sich auch das Verlangen gesteigert, auf der Champions Tour zu spielen. Die Spieler gehen nach au.en freundlich und zuvorkommend miteinander um, doch hinter den Kulissen herrscht ein harter Konkurrenzkampf.

Das Foto, das 1981 um die Welt ging: Beim Turnier in Fulford / York kletterte Langer in der dritten Runde auf einen Baum und spielte den Ball von dort aufs Grün. Die Szene stellte Fotograf Stefan von Stengel für dieses Bild auf einem ähnlichen Baum in Florida nach.
Das Foto, das 1981 um die Welt ging: Beim Turnier in Fulford / York kletterte Langer in der dritten Runde auf einen Baum und spielte den Ball von dort aufs Grün. Die Szene stellte Fotograf Stefan von Stengel für dieses Bild auf einem ähnlichen Baum in Florida nach.

Langer bekommt das zu spüren durch Kommentare, die eindeutig zweideutig sind. Zu den bekannten Bonmots gehören unterdessen Sätze wie: „Ich warte einfach darauf, dass Langer einmal nicht spielt. Dann habe ich auch eine Siegchance.“

Das ist natürlich eine Übertreibung und soll witzig klingen, doch die Dominanz Langers auf dieser Tour führt nicht zu allgemeiner Munterkeit und Stimmungsaufhellung.

Als sich Phil Mickelson nach seinem vorerst letzten Erfolg auf der Champions Tour Ende vergangener Saison gleich hinter dem 18. Grün vor der Fernsehkamera zum Gespräch aufstellte, bezog sich schon die zweite Frage des Interviewers auf Langer. Der hatte wieder einmal die Jahreswertung, den Charles Schwab Cup, gewonnen.

Mickelson antwortete schmallippig und kryptisch und sprach von einem Goldstandard. Was immer das auch sein soll. Den jedenfalls Langer mit seinen Leistungen setze. Der Amerikaner spricht eben viel lieber über sich selbst. Langer, immer wieder Langer, das nervt schon mal den einen oder anderen Mitspieler.

Distanz oder Respekt?

Langer selbst nimmt unterdessen eine gewisse Distanz unter den Kollegen wahr. Bei dem einen oder anderen, sagt er, würde der Neid schon spürbar. Doch die Mehrheit der Kollegen zollt ihm weiterhin Respekt und Anerkennung. Steve Stricker sagt, Langer sei „methodisch, zielorientiert und ein harter Arbeiter“.

Mark Calcavecchia: „In seinem Alter ist er unglaublich inspirierend.“ Und Mark O’Meara, ein weiterer Amerikaner: „Er ist unglaublich. Fokussiert, geradlinig und diszipliniert.“

Und Steve Flesch: „Er ist der alterslose Terminator.“ Die Anerkennung anderer Profis muss man nicht überbewerten, aber nicht abzustreiten ist, dass die Herrschaften über einen Kollegen sprechen, der Mitte 60 ist.

So dominierend und konstant ist vor Langer jedenfalls noch nie ein Golfer über 50 aufgetreten. Doch alle diese Details dringen nicht durch in die deutsche Öffentlichkeit. Fällt auf den Golfplätzen jedoch sein Name, ist ihm ein bewundernder Respekt sicher.

Aber reicht das für einen, dessen große Karriere nun schon seit mehr als 45 Jahren (!) andauert? Ein Ende dieser Karriere kann jeder erahnen, es zeichnet sich aber noch nicht konkret ab.

Bernhard Langer – Kein Spaß am Rampenlicht

Langer selbst ist Teil der großen Stille um ihn herum. Er hat nämlich nie besonderen Wert darauf gelegt, wirksame Auftritte vor Fernsehkameras hinzulegen.

Als er einmal vor vielen Jahren zu Gast im Aktuellen Sportstudio im ZDF war, begleitete ihn sein ewiger Widersacher und Konkurrent Severiano Ballesteros in den Sender.

Severiano Ballesteros, der 1994 das von den Brüdern Langer veranstaltete Mercedes German Masters in Motzen gewann, gehörte über Jahrzehnte zu den großen Gegenspielern Langers.
Severiano Ballesteros, der 1994 das von den Brüdern Langer veranstaltete Mercedes German Masters in Motzen gewann, gehörte über Jahrzehnte zu den großen Gegenspielern Langers.

Als der Moderator schließlich darum bat, doch mal eine Kostprobe ihres Könnens mit Schläger und Ball zu demonstrieren, trat Langer in den Hintergrund und überließ dem charismatischen Spanier den Vortritt.

Ballesteros ließ daraufhin den Ball auf seinem Schläger tanzen und sorgte damit für beste Unterhaltung. So aber ist Bernhard Langer, er hat nie das Rampenlicht gesucht.

In Talkshows des deutschen Fernsehens war er zudem niemals zu Gast. Dabei gäbe es sogar heute viele gute Gründe, ihn zu Gesprächen einzuladen. Wie er sich seine Kräfte, seine Fitness und seine Fähigkeit bewahrt, im fortgeschrittenen Alter konkurrenzfähig zu bleiben, geht weit über das Vorbild eines Golfers hinaus.

Kompensierendes Training für eine lange Karriere

Langer hat viele Jahre vor Tiger Woods erkannt, dass regelmäßiges kompensierendes Training zu den einseitigen Belastungen seines Sports die Voraussetzung für eine lange Karriere ist. Er hat vor vielen Jahren auf Anraten seines (inzwischen verstorbenen) Trainers Willi Hofmann damit begonnen, seinen Schwung so zu verändern, dass der Ablauf, die Sequenz seiner Bewegungen, auch im Alter jenseits der 50 noch möglich ist.

Langer mit seinem langjährigen Trainer Willi Hofmann, der im Januar dieses Jahres gestorben ist.
Langer mit seinem langjährigen Trainer Willi Hofmann, der im Januar dieses Jahres gestorben ist.

Er wiegt noch heute nahezu genauso viel – oder sollte man besser sagen wenig – wie im Alter von 20 Jahren, nämlich rund 74 Kilo. Er dosiert sein Training heute anders als zu Beginn seiner Karriere. Langer teilt sich die Anzahl der Turniere ein, die er spielt. Und er stellt sich psychologisch immer wieder neu auf seine gegenwärtigen Lebensbedingungen ein.

Langers vier Kinder leben inzwischen alle nicht mehr im Elternhaus. Was ihm Freiräume schafft, um seine Karriere noch einmal neu zu gestalten. Allerdings sind zu den Kindern inzwischen vier Enkelkinder dazugekommen. Bernhard Langer ist Opa geworden, aber einen agileren Großvater als ihn wird es in Deutschland kaum geben.

Denn bereit zu sein für den Wettkampf, die Auseinandersetzung Spieler gegen Spieler, geht nur dem leicht von der Hand, der auch Erfolg hat. Bubba Watson, der wie Bernhard Langer zweimal beim US Masters gesiegt hat, hat 2021 ein Buch veröffentlicht, in dem er schonungslos seine seelischen Qualen beschreibt, die ihm die sportlichen Rückschläge in seiner Karriere bereitet haben.

Bernhard Langer – Krisen bewältigen

Er verlor schließlich so viel Gewicht, dass er um sein Leben zu fürchten begann. Auch Langer hatte Krisen zu bewältigen. Es gab Momente, und zwar schon sehr früh in seiner Karriere, in denen er sich seinem Bruder Erwin gegenüber öffnete und vollkommen ratlos war, wie es weitergehen sollte.

Es gab den Gedanken aufzuhören. Doch Langer hat die Krisen bewältigt, die meist durch seine Probleme beim Putten ausgelöst wurden. Ja, er hat dagegen antrainiert wie kaum ein anderer. Aber er hat auch neue kreative Wege entwickelt, um seine Schwächen zu bekämpfen.

So entstand auch ein Puttergriff, bei dem der Schaft an den linken Unterarm fixiert wurde. Das Ziel dabei war, den Einfluss der Handgelenke zu minimieren. Diese Methode half ihm, auf die große Bühne des Golfsports zurückzukehren. Es gibt eine Vielzahl von Gründen, die die Ursachen sind für die lange und erfolgreiche Karriere des Golfers Bernhard Langer.

Wer sich intensiv mit seinem Leben auseinandersetzt, findet Antworten, die womöglich völlig unabhängig von seinem Sport Wege aufzeigen für eine erfolgreichere und gesündere Gestaltung des eigenen Lebens. Eines darf dabei jedem von vornherein klar sein:

Der „Bub“, wie ihn seine Mutter immer nannte, ist nie den leichten Weg gegangen. Für ihn hat er sich gelohnt, ohne jeden Zweifel. Aber von den Pfaden, die er eingeschlagen hat, mehr zu erfahren, kann sich für jeden lohnen. Ob nun Golfer oder nicht.

Und das könnte am Ende doch noch zu einer Anerkennung seiner sportlichen Laufbahn und seines Lebensverlaufs führen, die er mehr als verdient hat.

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1 Kommentar

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  1. Wilfried Schmidt sagt:

    Klasse Ihr Kommentar bin selbst 65 und jetzt voll motiviert. Man kann einfach nur ein Fan von Langer sein!!